Zwischen Wasserrad und Cappuccino: Ein Lied über die Heimat vor der Haustür

4.06.2026

 

Niddaer Autor und Musiker Gert Holle widmet der Mühlstraße einen Song – und entdeckt darin eine Botschaft, die weit über die Grenzen der Stadt hinausweist

(NIDDA/win). Es beginnt mit einem Spaziergang. Über die alte Steinbrücke, vorbei am Wasserrad der Stadtmühle, hinein in die Mühlstraße. Fachwerkhäuser säumen den Weg. Ein Barbier, der längst im Ruhestand sein könnte, schneidet noch immer gelegentlich Haare. Im Mühlencafé sitzen Menschen bei Kaffee und Kuchen. Wenige Schritte weiter locken türkische Spezialitäten. Am Ende der Gasse wartet der Marktplatz mit der „Traube“ und der Eisdiele Dolomiti.

Was für viele Niddaer Alltag ist, wurde für den Autor, Musiker und PR-Berater Gert Holle zur Inspiration für einen Song – und zu einer nachdenklichen Betrachtung über Heimat, Geschichte und die Menschen, die einen Ort prägen.

Unter dem Titel „Mill Street“ entstand eine englischsprachige Ballade, begleitet von Akustikgitarre und Mundharmonika. Ein dazu produziertes Video führt die Zuschauer genau dorthin, wo die Geschichte des Liedes spielt: auf einen Gang durch die Mühlstraße und zurück zur Brücke über die Nidda.

„Eigentlich wollte ich nur einen Song über eine Straße schreiben“, erzählt Holle. „Doch während des Schreibens wurde mir bewusst, dass die Mühlstraße viel mehr ist als eine Verbindung zwischen Brücke und Marktplatz. Sie erzählt die Geschichte einer Stadt und ihrer Menschen.“

 

Eine Straße als Spiegel des Lebens

Der Song beschreibt keine spektakulären Sehenswürdigkeiten. Stattdessen richtet er den Blick auf die kleinen Dinge: das alte Wasserrad, die Geschäfte, die Cafés, die vertrauten Gesichter und die Geschichten, die sich hinter ihnen verbergen.

Gerade darin liegt für Holle die eigentliche Botschaft.

„Wir leben in einer Zeit, in der wir oft das Besondere in der Ferne suchen“, sagt er. „Dabei übersehen wir leicht die Schätze direkt vor unserer Haustür. Heimat entsteht nicht durch große Ereignisse. Heimat wächst aus Begegnungen, Erinnerungen und den Orten, die wir mit unserem Leben füllen.“

Dass ausgerechnet die Mühlstraße zum Gegenstand eines Liedes wurde, hat auch mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu tun. Vor mehr als zwei Jahrzehnten kam Holle als Zugezogener nach Oberhessen. Inzwischen ist Nidda für ihn Heimat geworden.

„Heimat ist für mich längst nicht mehr nur der Ort, aus dem man stammt“, sagt er. „Heimat entsteht dort, wo Beziehungen wachsen, wo Erinnerungen entstehen und wo man Teil einer Gemeinschaft wird. In den vergangenen 22 Jahren habe ich gelernt, Nidda nicht nur zu bewohnen, sondern zu lieben.“

 

Vom Song zur Besinnung

Aus dem Lied entwickelte sich schließlich mehr als nur ein musikalisches Projekt. Für die Rubrik „WortWeise“ im Internetportal WIR IM NETZ – Kultur und Glaube Aktuell verfasste Holle eine Besinnung über die Bedeutung von Heimat und Erinnerung.

Darin verbindet er persönliche Beobachtungen mit philosophischen und christlichen Gedanken. Die Mühlstraße wird zum Symbol für die Frage, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und welche Geschichten Orte über Generationen hinweg bewahren.

„Jede Straße erzählt Geschichten“, schreibt Holle. „Und jeder Mensch trägt eine Geschichte in sich. Oft gehen wir daran vorbei, ohne hinzuhören.“

Der Gedanke knüpft an ein Motiv an, das sich durch viele biblische Erzählungen zieht. Auch dort begegnen Menschen Gott nicht in abstrakten Ideen, sondern auf Wegen, an Brunnen, in Häusern und bei gemeinsamen Mahlzeiten.

„Vielleicht würde Jesus auch heute zuerst durch die Straßen unserer Städte gehen“, sagt Holle. „Nicht dorthin, wo die Kameras stehen, sondern dorthin, wo Menschen ihren Alltag leben.“

 

Lokale Geschichte, universelle Erfahrung

Die Resonanz auf das Projekt zeigt, dass die Themen des Songs weit über Nidda hinausreichen.

Denn die Mühlstraße könnte vielerorts stehen für jene Straßen und Plätze, die Menschen mit Erinnerungen verbinden. Für die kleine Geschäftsstraße im Nachbarort. Für den Marktplatz, auf dem man aufgewachsen ist. Für den Weg zur Schule oder die Bank im Park, auf der man früher gesessen hat.

„Jeder Mensch hat seine eigene Mühlstraße“, sagt Holle. „Einen Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart zusammenkommen. Einen Ort, an dem man spürt, wo man hingehört.“

Vielleicht liegt genau darin die Kraft des Liedes: Es erzählt von einem sehr konkreten Ort in einer oberhessischen Kleinstadt – und erinnert zugleich an etwas Universelles. An die Bedeutung von Wurzeln in einer mobilen Welt. An die Geschichten hinter den Fassaden. Und an die Menschen, die aus einem Ort Heimat machen.

Oder, wie es im Song heißt:

„In the town beside the river, where the years and memories meet, a little piece of home forever – waiting on old Mill Street.“

(In der Stadt am Fluss, wo Erinnerungen Wurzeln schlagen, liegt ein kleines Stück Zuhause für immer – hier in der alten Mühlstraße).


 

„Mill Street“

  • Songtext und Musik: Gert Holle

MILL STREET (MÜHLSTRASSE)

Verse 1
Cross the old stone bridge where the river bends,
Three arches standing through the years.
The water breaks around the pillars,
Carrying stories, carrying tears.
Beside the weir the old wheel turns,
Slow and steady, day by day,
Like a keeper of forgotten dreams
That never really went away.

 

Chorus
Oh, Mill Street, take me down your lane,
Through the heart of Nidda once again.
Past the timbered houses, worn but proud,
Where history still speaks out loud.
Oh, Mill Street, every step I take
Feels like a memory the river made.
In the town that learned to live and stay,
Mill Street carries me away.

 

Verse 2
There's a barber by the corner shop,
Mostly retired, or so they say.
Still comes in to cut a little hair
And talk about another day.
Across the street the photo store
Changes names but keeps its place,
Taking pictures for a passport
Or a wedding full of grace.

 

Chorus
Oh, Mill Street, take me down your lane,
Through the heart of Nidda once again.
Past the timbered houses, worn but proud,
Where history still speaks out loud.
Oh, Mill Street, every step I take
Feels like a memory the river made.
In the town that learned to live and stay,
Mill Street carries me away.

 

Bridge
Three gables reaching toward the sky,
Holding centuries inside.
Coins were minted near this river,
Fortunes flowed with every tide.
Millers worked and merchants dreamed,
Rich and poor walked side by side.
All their voices linger softly
In the current of the Nidda's ride.

 

Verse 3
At the little mill café I stop,
Coffee, cake, a quiet chair.
A couple tables in the sunshine,
Friendly faces everywhere.
The Turkish café down the street,
Jewelry, wool and little stores,
No cars passing, only footsteps
Echoing from door to door.

 

Final Chorus
Oh, Mill Street, take me down your lane,
Through the heart of Nidda once again.
Past the market square and Traube's sign,
Where old brick walls outlast the time.
Then a cappuccino waits for me
At Dolomiti by the square.
And before I know I'm walking back,
The river's calling through the air.

 

Outro
Back across the bridge at evening light,
The water wheel still turns so slow.
And Mill Street keeps its gentle secrets
For the ones who come and go.
In the town beside the river,
Where the years and memories meet,
A little piece of home forever—
Waiting on old Mill Street.

 

 

(Lyrics & Music by Gert Holle – 2.06.2026)

 

Mühlstraße

Strophe 1

 

Über die alte Steinbrücke, dort wo die Nidda sich neigt,

drei Bögen trotzen den Jahren und der Zeit.

Das Wasser umspült die Pfeiler,

trägt Geschichten fort, trägt Sehnsucht mit sich fort.

Neben dem Wehr dreht sich das alte Rad,

langsam und beständig, Tag für Tag.

Wie ein Hüter längst vergangener Träume,

die bis heute in den Mauern wohnen.

 

Refrain

 

Oh Mühlstraße, führ mich deinen Weg entlang,

mitten durch das Herz von Nidda – immer wieder.

Vorbei an den Fachwerkhäusern, stolz und alt,

wo die Geschichte noch in jedem Winkel hallt.

Oh Mühlstraße, jeder Schritt, den ich hier geh',

fühlt sich an wie eine Spur, die der Fluss einst schrieb.

In der Stadt, die ihrem Fluss treu blieb,

trägst du meine Gedanken fort.

 

Strophe 2

 

An der Ecke beim kleinen Laden

steht der Barbier noch manchmal bereit.

Eigentlich längst im Ruhestand,

doch er schneidet Haare und erzählt von alter Zeit.

Auf der anderen Straßenseite das Fotogeschäft,

oft wechselte der Name über die Jahre hinweg.

Doch noch immer hält es Augenblicke fest,

für den Ausweis oder für den schönsten Tag.

 

Refrain

 

Oh Mühlstraße, führ mich deinen Weg entlang,

mitten durch das Herz von Nidda – immer wieder.

Vorbei an den Fachwerkhäusern, stolz und alt,

wo die Geschichte noch in jedem Winkel hallt.

Oh Mühlstraße, jeder Schritt, den ich hier geh',

fühlt sich an wie eine Spur, die der Fluss einst schrieb.

In der Stadt, die ihrem Fluss treu blieb,

trägst du meine Gedanken fort.

 

Brücke

 

Drei Giebel reichen in den Himmel,

bergen Jahrhunderte aus Stein und Holz.

Hier wurden einst Münzen geschlagen,

hier wuchsen Hoffnung, Arbeit und Stolz.

Müller mahlten, Kaufleute träumten,

reich und arm gingen denselben Weg.

Und ihre Stimmen klingen noch heute

im Lied der Nidda, die vorüberzieht.

 

Strophe 3

 

Am kleinen Mühlencafé halte ich an,

Kaffee und Kuchen, ein Platz in der Sonne.

Ein paar Tische vor der Tür,

freundliche Gesichter, wohin ich auch seh'.

Das türkische Café ein Stück weiter,

Schmuck, Wolle und manch kleiner Laden.

Keine Autos stören die Ruhe der Gasse,

nur Schritte ziehen von Tür zu Tür.

 

Schlussrefrain

 

Oh Mühlstraße, führ mich deinen Weg entlang,

mitten durch das Herz von Nidda – noch einmal.

Vorbei am Marktplatz und der alten Traube,

wo die Zeit in den Mauern weiterlebt.

Dann wartet ein Cappuccino auf mich

im Dolomiti am Markt.

Und ehe ich mich versehe, geh' ich zurück,

dem Ruf des Flusses entgegen.

 

Outro

 

Zurück über die Brücke im Abendlicht,

das Wasserrad dreht seine Kreise wie eh und je.

Und die Mühlstraße bewahrt ihre leisen Geheimnisse

für alle, die kommen und gehen.

In der Stadt am Fluss,

wo Erinnerungen Wurzeln schlagen,

liegt ein kleines Stück Zuhause für immer –

hier in der alten Mühlstraße.

 

 

 

(Text & Musik: Gert Holle, 02.06.2026)

 

  • Begleitet von einem Video-Spaziergang durch die Mühlstraße in Nidda
  • Veröffentlicht auf YouTube, SoundCloud und den Social-Media-Kanälen des Autors

 

 

WortWeise
Die begleitende Besinnung „Die Straße, die Geschichten erzählt“ finden Sie in WortWeise und beschäftigt sich mit den Themen Heimat, Erinnerung, Geschichte und Glauben im Alltag.