
30.03.2026
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Naturkundemuseum Stuttgart und Uni Hohenheim publizieren deutschen Erstnachweis in „Zootaxa“
(Stuttgart-Hohenheim/uh) - „Schau mal,
das ist doch keine normale Ameise“: Genau genommen war es Christine Härtel, Max Härtels Mutter, der die Ameise als erstes auffiel. Dabei waren die Besonderheiten eher unauffällig: etwas schlanker
und dunkler waren die zwei Arbeiterinnen, mit Verhaltensweisen, die sie von heimischen Arten abgrenzen.
Doch Mutter und Sohn sind „Ameisenenthusiasten“, wie sie sich selbst bezeichnen. Einer der Hauptgründe, warum Max Härtel an der Universität Hohenheim im Fachgebiet Integrative Taxonomie der
Insekten studiert. Entsprechend schnell reagieren die beiden und fangen die Tiere ein.

Untersuchung des Fundes bestätigt
den Verdacht
Tags darauf am Fachgebiet Integrative Taxonomie der Insekten bestätigt sich der Verdacht. Max Härtel arbeitet hier an seiner Masterarbeit bei Prof. Dr. Christian Rabeling. Bei dem Fund aus der
Wilhelma handelt es sich tatsächlich um eine Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) – eine invasive Art, die bis dahin in Deutschland noch nicht nachgewiesen war.
Die Bestimmung erfolgt durch seinen Kollege David Grunicke, der den Fund auf iNaturalist einträgt – einer Citizen-Science-Plattform zur Bestimmung und Dokumentation von Arten. Grunicke ist die
Art bereits gut bekannt: Er selbst hatte bereits einen Nachweis der gleichen Art am Comer See in Italien erbracht. Dies war bis dato der erste Nachweis einer etablierten Population in
Europa.
EU stuft Asiatische Nadelameisen als invasive Art ein
Ein Jahr später listet die EU die asiatische Nadelameise offiziell als invasive Art. Kurz darauf meldet sich auch ein Forschungsteam der Senckenberg Gesellschaft für Naturkunde und des
Naturkundemuseum Stuttgart. Die Forschenden hatten gleich eine ganze Kolonie der Ameisen im Rosensteinpark entdeckt und waren auf Grunickes Citizen Science-Eintrag gestoßen.
Die etablierten Kolleg:innen laden die Studierenden ein, bei ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichung als Co-Autoren mitzuwirken. Die Zuarbeit zum Manuskript übernimmt Benjamin Palm, ein dritter
Student am Fachgebiet für Integrative Taxonomie der Insekten der Universität Hohenheim. Palm hatte sich bereits seit mehreren Jahren unabhängig vom Stuttgarter Fund am Monitoring invasiver
Ameisen beteiligt. Dabei war er bereits Hinweisen auf potenzielle weitere Vorkommen in Deutschland nachgegangen, die sich jedoch nie hatten bestätigen lassen.
Hochkarätiges Forschungsteam lädt zu gemeinsamer Publikation ein
„Wir konnten in dem Park eine vollständige Kolonie der Asiatischen Nadelameise mit Nachwuchs entdecken. Das zeigt, dass es sich nicht nur um einzelne eingeschleppte Tiere handelt, sondern sehr
wahrscheinlich um eine lokale überwinterungsfähige Population“, berichtet Erstautor Dr. Brendon Boudinot vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Damit liegt der erste
gesicherte Nachweis dieser Art in Deutschland vor.“
Für die Bestimmung der in Stuttgart gefundenen Ameisenart vergleicht das Forschungsteam verschiedene äußere Merkmale wie Körperform, Oberflächenstruktur und Augen. Die Studie liefert eine
präzisierte Beschreibung, um die Ameise künftig sicher von nah verwandten Arten unterscheiden zu können.
Stuttgarter Kolonie wahrscheinlich über Pflanzen eingeschleppt
Die Forschenden vermuten, dass die Tiere in Stuttgart über Pflanzen eingeschleppt wurden. So könnten gebietsfremde Arten als blinde Passagiere zum Beispiel in Topfpflanzen oder anderen
Importgütern eingeführt werden.
Noch ist unklar, wie weit die Asiatische Nadelameise in Deutschland bereits verbreitet ist. Die Forschenden empfehlen gezielte Monitoring-Programme, um eine mögliche Ausbreitung frühzeitig zu
erkennen. „Durch den Klimawandel besteht in Europa grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für die Ansiedlung gebietsfremder Ameisenarten“, warnt Boudinot.
HINTERGRUND: Asiatische Nadelameise
Die Asiatische Nadelameise stammt ursprünglich aus Ostasien. Im Südosten der Vereinigten Staaten wurde sie 1932 erstmals entdeckt, ist seitdem in mehreren Bundesstaaten verbreitet und
verdrängt heimische Ameisenarten. Zudem sind aus den USA auch allergische Reaktionen nach Stichen bekannt. In Europa gab es bislang nur wenige bestätigte Nachweise: Ein Exemplar wurde 2020 in
Neapel gefunden, später folgten weitere Funde in Italien, unter anderem am Comer See. 2025 wurde die Asiatische Nadelameise von der Europäischen Union in die sogenannte „Unionsliste“ aufgenommen
und damit als potenziell besonders schädliche invasive Art eingestuft.
HINTERGRUND: Invasive Ameisen
Invasive Ameisen gelten seit Langem als ernstzunehmendes Risiko für die heimische Biodiversität und Ökosysteme und können auch für Menschen eine Gesundheitsgefahr darstellen. Häufig
werden sie unabsichtlich mit international gehandelten Gütern importiert, beispielsweise in der Erde von Topfpflanzen. In der Liste der einhundert schädlichsten gebietsfremdem Arten der Global
Invasive Species Database nehmen Ameisen gleich fünf Plätze ein – darunter die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta), die Großkopfameise (Pheidole megacephala) und die Gelbe
Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes).
In der Europäischen Union sind rund 70 gebietsfremde Ameisenarten bekannt. In Deutschland ist jetzt die Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) dazugekommen. Während eines
sogenannten „BioBlitz“, einer zeitlich begrenzten lokalen Arteninventur, gelang es Forschenden des Naturkundemuseums Stuttgart, der Universität Hohenheim und von Senckenberg, die Ameisenart im
Juni 2025 erstmals im Stuttgarter Rosensteinpark nachzuweisen. In der heute erschienenen Studie zum Erstnachweis weist das Forschungsteam nachdrücklich auf die Risiken einer möglichen Ausbreitung
in Deutschland hin und plädiert für ein gezieltes Monitoring der gebietsfremden Ameise.
HINTERGRUND: Kompetenzzentrum Biodiversität und integrative Taxonomie (KomBioTa)
Das Artensterben und insbesondere der Rückgang der Insekten stellt eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar. Der Verlust an biologischer Vielfalt betrifft Pflanzen,
Tiere, Pilze und Mikroorganismen. Fehlen diese, sind die Funktionen von Ökosystemen gefährdet, in die der Mensch eingebettet ist, etwa die Bestäubung von Pflanzen bis hin zu fundamentalen
Ökosystemleistungen wie dem Reinigen von Luft und Wasser.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurde das KomBioTa im Jahr 2020 an der Universität Hohenheim und am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart eingerichtet. Es bündelt zahlreiche
Arbeitsgruppen an beiden Institutionen für gemeinsame Forschung und Lehre. Eine Kernprofessur ist das Fachgebiet „Integrative Taxonomie der Insekten“ an der der Universität Hohenheim unter
Leitung von Prof. Christian Rabeling. Das Land fördert das KomBioTa im Rahmen der Landesinitiative „Integrative Taxonomie“ mit jährlich rund einer Million Euro. https://kombiota.uni-hohenheim.de
Weitere Informationen
Studie zum Erstnachweis Brachyponera chinensis: https://doi.org/10.11646/zootaxa.5785.1.11
Kompetenzzentrum Biodiversität und integrative Taxonomie (KomBioTa) https://kombiota.uni-hohenheim.de
Text: Decker/Klebs
Autorin: Universität Hohenheim / Decker/Klebs; zusammengestellt von Gert Holle - 30.03.2026
