Wir leben in einer Zeit, in der Stillstand fast verdächtig wirkt.
Immer unterwegs, immer erreichbar, immer irgendwo dabei.
Doch was, wenn genau darin die Unruhe liegt?
Was, wenn wir im ständigen Laufen vergessen haben, wo unser Platz ist?
Meine neue poetische Besinnung zu „In the Race“ lädt dazu ein,
einen Moment innezuhalten.
Zwischen Terminen, Gedanken und Erwartungen.
Und vielleicht eine leise, andere Stimme wieder wahrzunehmen.
Nimm dir ein paar Minuten Zeit.
Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment,
nicht weiterzulaufen — sondern einfach da zu sein.
Es gibt ein Rennen, das wir kennenlernen, lange bevor wir es verstehen.
Ohne Startlinie, ohne Zielband,
und doch messen wir uns darin —
in Blicken, in Erwartungen, in der leisen Angst, zurückzubleiben.
Wir laufen, weil andere laufen.
Wir laufen, weil Stillstand sich anfühlt wie Verschwinden.
Wir laufen, weil tief in uns eine Stimme flüstert:
„Sei sichtbar — oder sei nichts.“
Und doch gibt es eine andere Stimme.
Leiser. Tiefer. Älter.
Eine Stimme, die nicht gegen den Lärm anschreit,
sondern in dessen Angesicht wartet.
Wie im Buch Kohelet:
„Alles hat seine Zeit …“
— auch die Zeit, stehen zu bleiben.
Oder wie in Psalm 46:
„Seid still und erkennt …“
Nicht: Seid schneller.
Nicht: Seid mehr.
Sondern: Seid.
Auch die Philosophie kennt diesen Weg.
Søren Kierkegaard sprach davon,
dass die Menge die Unwahrheit ist —
und dass Wahrheit im Einzelnen beginnt.
Seneca warnte:
Wer sich durchs Leben hetzt, kommt oft nirgends an.
Und vielleicht ist die tiefste Erkenntnis diese:
Das Rennen wurde dir nie auferlegt.
Es wurde dir nur angeboten —
und du hast es, aus Sehnsucht dazuzugehören, angenommen.
Doch dieselbe Freiheit, die dich hineinführte,
kann dich auch hinausführen.
Zur Seite zu treten heißt nicht zu verlieren.
Es heißt zu sehen.
Zu atmen.
Zu einem Tempo zurückzufinden, das deinen Namen trägt.
Nicht jede Runde ist für dich bestimmt.
Nicht jeder Ort verlangt deine Anwesenheit.
Nicht jeder Moment verliert an Bedeutung, wenn du fehlst.
Es liegt Würde darin, zu wählen, wo du stehst.
Und Gnade darin, loszulassen.
Möge dieses Lied mehr sein als Klang —
möge es eine Schwelle sein.
Eine kleine Öffnung,
durch die du dich erinnerst,
dass dein Wert nie von deiner Geschwindigkeit abhing.
Gebet
Gott der Stille und des Atems,
du bist nicht im Hastigen, sondern in der Tiefe —
lehre mich, innezuhalten.
Wo ich aus Angst getrieben war, schenke mir Vertrauen.
Wo ich nach Anerkennung jagte, schenke mir Wahrheit.
Wo ich meine Tage gefüllt habe, leere mich behutsam,
damit ich neu erfüllt werde — mit dem, was wirklich ist.
Beruhige den Lärm in mir, der sagt, ich müsse überall sein.
Verankere mich in dem Ort, an dem ich wirklich bin.
Und wenn ich laufe,
lass es auf das Leben zu sein —
nicht weg von mir selbst.
Amen.
Segensspruch
Mögest du den Mut haben, aus dem Rennen auszusteigen,
und die Weisheit, zu erkennen, dass dir nichts Wesentliches verloren geht.
Mögen deine Tage nicht von Eile bestimmt sein,
sondern von Sinn.
Mögest du Frieden finden in den Räumen, die du einst gefürchtet hast,
und Gegenwart dort, wo du früher Leere gespürt hast.
Und mögest du immer wieder entdecken,
dass still zu stehen in Wahrheit bedeutet,
genau am richtigen Ort zu sein.
Autor: Gert Holle - 23.04.2026
