
20.05.2026
Von Gert Holle
Es gibt Bücher über den Jakobsweg, die von Spiritualität erzählen. Andere berichten von Grenzerfahrungen, Selbstfindung oder religiöser Erweckung. Und dann gibt es „My Way – Ein Camino Reisefühler“ von Jürgen Schmucker – ein Buch, das angenehm unprätentiös daherkommt und gerade dadurch berührt.
Schon der Untertitel macht deutlich, worum es geht: Ein Camino Reisefühler. Kein dogmatischer Pilgerleitfaden, kein spirituelles Manifest, sondern ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht eines Menschen, der nach dem Ende seines Berufslebens einfach noch einmal etwas Neues wagt. Vier Wochen lang ist Schmucker unterwegs – von Bilbao nach Santiago de Compostela. 25 Etappen, hunderte Kilometer, Begegnungen, Wetterwechsel, Herbergen, Müdigkeit, Gelassenheit und immer wieder die Frage: Was passiert eigentlich mit einem Menschen, wenn der Alltag plötzlich verstummt?
Dabei beginnt das Abenteuer erstaunlich bodenständig. Bereits auf den ersten Seiten findet sich eine detaillierte Packliste mit Gramm-Angaben: Rucksack, Regenhaube, Schlafsack, Ohrstöpsel, Blasenpflaster, Powerbank, Notizbuch – insgesamt 8,2 Kilogramm ohne Proviant. Allein diese Aufstellung verrät schon viel über das Buch: Hier schreibt keiner, der sich künstlich verklärt. Schmucker bleibt konkret, praktisch, humorvoll und ehrlich.
Dass der Autor seinen Weg nicht aus religiösem Sendungsbewusstsein geht, macht das Buch sympathisch. Er sucht keine Wunder und keine esoterischen Erkenntnisse. Vielmehr möchte er „eine mehrwöchige Wanderung erleben“, sich selbst wieder näherkommen und nach Jahrzehnten des Berufslebens erfahren, wie sich Freiheit eigentlich anfühlt. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches: Es erzählt vom Pilgern nicht als Flucht aus dem Leben, sondern als bewusste Unterbrechung des Gewohnten.
Immer wieder entstehen unterwegs jene kleinen Szenen, die den Camino für viele Menschen so besonders machen: spontane Gespräche mit Fremden, gemeinsames Essen, das abendliche Ankommen in einer Herberge, das Glück über einen guten Kaffee oder – im Notfall – ein Glas Rioja gegen die Nachwirkungen des alten Leistungsdenkens. Schmucker beschreibt diese Momente mit feinem Humor und einem wohltuenden Blick für das Menschliche.
Dabei ist „My Way“ mehr als ein Reisebericht. Zwischen den Etappen entfaltet sich leise eine Reflexion über das Älterwerden, über Rollen, die man im Laufe des Lebens angenommen hat, und über die Freiheit, sich noch einmal neu zu begegnen. Gerade Leserinnen und Leser, die selbst an Wendepunkten ihres Lebens stehen, dürften sich in vielen Gedanken wiederfinden.
Natürlich denkt man beim Thema Jakobsweg unweigerlich an Hape Kerkeling und dessen Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Schmucker erwähnt selbst, dass dieses Buch vor zwanzig Jahren den ersten Gedanken an den Camino in ihm ausgelöst hat. Doch „My Way“ versucht gar nicht erst, Kerkeling zu kopieren. Stattdessen findet der Autor seinen eigenen Ton – ruhiger, reflektierter, manchmal fast philosophisch, aber immer nahbar.
Besonders gelungen ist die Mischung aus praktischen Tipps und persönlichen Erfahrungen. Hinweise zu Apps wie Komoot oder Gronze, Empfehlungen zur Herbergssuche oder die statistischen Auswertungen seiner Garmin-Uhr machen das Buch auch für zukünftige Pilger interessant. Gleichzeitig laden die stimmungsvollen Fotos dazu ein, gedanklich mitzureisen.
Warum also noch ein weiteres Buch über den Jakobsweg lesen?
Vielleicht gerade deshalb, weil dieses Buch zeigt, dass der Camino kein exklusiver Ort außergewöhnlicher Menschen ist. Sondern ein Weg für ganz normale Menschen, die irgendwann spüren, dass es Zeit ist aufzubrechen – nicht unbedingt vor etwas weg, sondern vielleicht ein Stück näher zu sich selbst hin.
Und vielleicht wirkt dieses Buch tatsächlich so, wie einst Kerkelings Bericht auf Jürgen Schmucker wirkte: als kleiner Impuls, sich selbst irgendwann einmal auf den Weg zu machen.
My Way – Ein Camino
Reisefühler
Mit vielen praktischen Tipps und Fotos
von Jürgen Schmucker
228 Seiten mit Farbabbildungen, Paperback
€ 18,90 (D)
ISBN 978-3-8301-1993-7
erschienen bei R. G. Fischer Verlag
Autor: Gert Holle, Herausgeber und leitender Redakteur von "WIR IM NETZ - Kultur und Glaube Aktuell" - 20.05.2026
