Von Gert Holle
(Nidda/gho) - Der Eurovision Song Contest ist vorbei. Wieder
einmal.
Und wie jedes Jahr bleiben Diskussionen, Emotionen, Begeisterung und Kopfschütteln zurück.
Die bulgarische Sängerin gewann den Wettbewerb in Wien, Deutschland landete mit Sarah Engels auf einem der hinteren Plätze. Wieder wurde über Jurys diskutiert, über Publikumsabstimmungen, über politische Botschaften, über Boykotte und über die Teilnahme Israels. Wieder erklärten Menschen in sozialen Netzwerken, dies sei „nicht mehr ihr Eurovision Song Contest“. Wieder war von „Krach“, „Geschmacksverirrung“ oder gar vom „Ende der Musik“ die Rede.
Und dennoch:
Millionen Menschen schauten zu.
Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis dieser inzwischen siebzig Jahre alten Veranstaltung. Der Eurovision Song Contest ist längst mehr als ein Musikwettbewerb. Er ist ein gesellschaftliches Ritual geworden. Ein paar Stunden lang blickt ein ganzer Kontinent auf dieselbe Bühne. Menschen aus völlig unterschiedlichen Ländern, Kulturen und politischen Wirklichkeiten erleben dieselben Melodien, dieselben Abstimmungen, dieselben Aufreger.
In einer Zeit, in der sich Gesellschaften immer stärker in Meinungsblasen, kulturelle Lager und digitale Echokammern aufteilen, ist das bemerkenswert.
Natürlich ist der ESC nicht unpolitisch. Das war er vermutlich nie. Wo Nationen auftreten, Fahnen geschwenkt werden und Millionen Menschen abstimmen, spiegeln sich immer auch gesellschaftliche Konflikte wider. Vielleicht ist der Wettbewerb deshalb manchmal so unerquicklich und gleichzeitig so faszinierend. Er zeigt Europa nicht geschniegelt und geschniegelt, sondern widersprüchlich, emotional, laut und gelegentlich irrational.
Mich persönlich amüsiert dieses alljährliche Schauspiel inzwischen eher, als dass es mich ärgert. Vielleicht auch deshalb habe ich in diesen Tagen den Song „See You Next Year“ geschrieben. Ein augenzwinkernder Gute-Laune-Song über Glitzer, Online-Streit, Null-Punkte-Drama und die erstaunliche Tatsache, dass selbst die größten Kritiker im nächsten Jahr doch wieder einschalten.
Denn hinter allem Spektakel steckt auch etwas Menschliches:
Die Sehnsucht, dazuzugehören.
Menschen wollen gesehen werden. Sie wollen mitfiebern, sich identifizieren, gemeinsam lachen, gemeinsam enttäuscht sein. Vielleicht erklärt das auch die enorme Leidenschaft, mit der über einen Wettbewerb diskutiert wird, der offiziell doch „nur Unterhaltung“ sein soll.
Der christliche Glaube kennt diese Sehnsucht ebenfalls. Gemeinschaft gehört zum Wesen des Menschen. Schon die biblischen Bilder vom „Volk Gottes“, vom gemeinsamen Mahl oder vom Leib mit vielen Gliedern erzählen davon, dass Leben nicht im Rückzug gelingt, sondern in Beziehung.
Natürlich wird kein Eurovision Song Contest die Welt retten. Kein Popsong wird Kriege beenden oder politische Konflikte lösen. Aber vielleicht erinnern uns solche Abende manchmal daran, dass Menschen trotz aller Unterschiede noch immer fähig sind, gemeinsam zu feiern, zuzuhören und sich wenigstens für einen kurzen Moment auf dieselbe Melodie einzulassen.
Und vielleicht braucht unsere Zeit genau solche Momente dringender, als viele zugeben möchten.
Ja, der ESC ist manchmal schrill. Manchmal absurd. Manchmal
ungerecht.
Aber er ist auch eines der letzten großen gemeinsamen Lagerfeuer Europas.
Und während sich die sozialen Netzwerke längst wieder empören, planen Millionen wahrscheinlich schon heimlich den nächsten Eurovision-Abend.
Oder, um es mit meinem neuen Song zu sagen:
„See you next year.“
Verse 1
Flags on the balcony
Snacks on the floor
Grandma says she hates this show
But she’s screaming for the score
Twitter’s going crazy
Everybody knows
“This is the worst song ever!”
Since about ten years ago
Pre-Chorus
Red lights, silver shoes
Everybody’s got opinions breaking news
Chorus
See you next year!
Same old tears
Same old “music died tonight”
Everybody fights online
See you next year!
Raise your beer!
Twelve points, zero shame
And we all come back again
Whoa-oh-oh-oh
Europe singing loud tonight
Whoa-oh-oh-oh
Different hearts, one crazy night
Verse 2
Someone blames the politics
Someone hates the drums
Someone says: “Back in my day
We had real and proper songs”
Living rooms like stadiums
Every vote a war
But when the final comes around
Everybody wants one more
Pre-Chorus
Gold rain, neon skies
Every country dreaming of first prize
Chorus
See you next year!
Same old tears
Same old “music died tonight”
Everybody fights online
See you next year!
Raise your beer!
Twelve points, zero shame
And we all come back again
Whoa-oh-oh-oh
Europe singing loud tonight
Whoa-oh-oh-oh
Different hearts, one crazy night
Bridge
Maybe we don’t think the same
Maybe we all play different games
Maybe every vote feels wrong
But we still sing along
From the shadows to the stage
Every language, every age
For one night the world’s alright
Under one ridiculous light
FINAL CHORUS
See you next year!
No more fear
Turn it up and sing out loud
Every misfit in the crowd
See you next year!
Far and near
Twelve points to the ones who dare
To bring a little madness there
Whoa-oh-oh-oh
Every border disappears
Whoa-oh-oh-oh
For a couple thousand cheers
See you next year!
Same old song
Same old crazy all night long
And even when we say goodbye
We know we’ll all be back in line
Whoa-oh-oh-oh
Europe laughing through the night
Whoa-oh-oh-oh
Different hearts — one shining light
