WIR SIND KIRCHE: Erste Einschätzungen der Enzyklika Magnifica Humanitas

 

26.05.2026

 

(München/Rom/wsk) - Nach Ansicht von Wir sind Kirche bietet die am Pfingstmontag, 25. Mai 2026 veröffentliche Enzyklika Magnifica Humanitas angesichts der aktuellen Herausforderungen von Globalisierung, Technisierung, sozialer Ungerechtigkeit  und „Künstlicher Intelligenz“ eine große Chance zu einem ethischen Leitbild zu werden, das weltweit Beachtung finden kann, wie dies die bisherigen Sozialenzykliken geworden sind.

Aus kirchenreformerischer Perspektive muss sich die katholische Kirche immer auch an den formulierten Maßstäben selber messen lassen, zum Beispiel an dem 1931 in „Quadragesimo Anno“ formulierten Prinzip der Subsidiarität, also der wichtigen Dezentralisierung und Regionalisierung in eigener Verantwortung.

In MH 86 heißt es ausdrücklich: „Die Soziallehre richtet sich nicht nur an die Gesellschaft: Sie ist auch eine Gewissenserforschung für die Kirche, jenes Haus und jene Schule der Gemeinschaft, die stets aufgerufen ist, sicherzustellen, dass die in diesem Kapitel aufgeführten Prinzipien vor allem auch in ihrem Inneren gelebt werden. ... Dies erfordert Aufmerksamkeit für die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden und Verantwortung ausgeübt wird.“  

 

Prof. Dr. Norbert Mette, Münster: Magnifica Humanitas – Zur Größe der menschlichen Person im digitalen Zeitalter

Insgesamt handelt es sich bei dieser Enzyklika von Papst Leo XIV um ein Dokument, das viele Herausforderungen anspricht, mit denen wir es in der heutigen Welt zu tun hat, und profilierte Wegweisungen an die Hand gibt, wie mit ihnen kritisch-konstruktiv umzugehen ist. Gediegen reiht er sich in die Reihen der Sozialenzykliken ein, ausgehend von "Rerum novarum" (1891), die sich jeweils umwälzende gesellschaftliche Neuerungen als ihr Thema vorgenommen haben. Im Mittelpunkt steht jeweils die Frage, wie eine humane, christlich orientierte Reaktion auf die Neuerungen erfolgen kann. Während sich die ersten Enzykliken dabei auf ein als allgemein gültig ausgegebenes Naturrecht gründeten, ist seit Papst Johannes XXIII ein Wandel erfolgt, insofern die statt einer Soziallehre  eine biblisch gegründete und die „Zeichen der Zeit“ in den Blick nehmende Sozialverkündigung verfasst wurde, die nicht vorgibt, alle Weisheit bereits zu besitzen, sondern die die zur Verfügung stehenden Ressourcen wie Wissenschaften und andere Expertisen nutzt, um begründet den Herausforderungen gemäße Denk- und Handlungsanstöße geben zu können. Dazu lädt sie zum Dialog ein. So versteht sich auch diese Enzyklika. 

Zu Beginn macht sie deutlich, dass gerade bei dem Thema, das sie sich schwerpunktmäßig vorgenommen hat (Digitalisierung und KI), alles im Fluss ist und immer Neues produziert wird. Im Durchgang durch das Erbe der kirchlichen Sozialverkündigung, die eigens als konstitutive Aufgabe der Kirche begründet wird, insbesondere durch die Sozialenzykliken schält der Papst die im Laufe der Zeit gewonnenen Grundprinzipien und Normen heraus (wie Personalität, Subsidiarität, Solidarität/Option für die Armen/soziale Gerechtigkeit und Frieden sowie Nachhaltigkeit) und bringt sie mit Blick auf die durch die Digitalisierung und KI sich in allen Bereichen (von der Wirtschaft über Politik bis hin zur Kultur) umkrempelnde Welt zur Anwendung im Sinne einer kritischen Unterscheidung. Durchgängig richtet sich seine Sorge auf das Menschlich-Bleiben(-können) und damit verbunden das Gemeinwohl. Dazu ist es nach ihm not-wenig und er fordert es mit Nachdruck ein dass alle Menschen (denn alle sind von den Neuerungen betroffen) das Recht und die Möglichkeit haben, über das, was mit den neuen technischen Möglichkeiten gemacht wird, entscheiden können und dies nicht einer technologischen Oligarchie überlassen bleibt. 

Allein den Überblick, den die Enzyklika darüber gibt, wie sich durch die Digitalisierung und KI die Welt zutiefst verändert – von der Arbeitswelt über den Bildungsbereich bis in die Kriegsführung hinein, zu lesen, ist hochinformativ. Dazu kommt, wie deutlich gemacht wird, wie sehr die Hochzüchtung der Technik ethische Probleme aufwirft. Der Papst scheut sich nicht, zu in der Politik und Wirtschaft umstrittenen Themen Stellung zu beziehen. Z.B. problematisiert er die Maßstäbe, nach denen das Bruttosozialprodukt bemessen wird, oder er fordert im Sinne der Gemeinwohlgerechtigkeit (allgemeine Bestimmung der Güter) einen stärkeren Beitrag (Steuer) der Wohlhabenden. 

Eine im christlichen Glauben verankerte Spiritualität bildet in der Enzyklika von Anfang bis Ende einen Grundzug. Insgesamt handelt es sich Appell an alle Christgläubigen und Menschen guten Willens, ihre Verantwortung in der Gegenwart aktiv wahrzunehmen und sich nicht desinteressiert oder resigniert ins Private zurückzuziehen. Wie in den Sozialenzykliken üblich, bildet die Kirche in ihnen ein Randthema. Allerdings betont der Papst, dass ihre darin vertretenen Prinzipien und Normen auch als Gewissenserforschung für die Kirche selbst genommen werden müssen. Subsidiarität, Solidarität und Gerechtigkeit müssen auch in den eigenen Reihen umgesetzt werden (Par. 86-89). Auch müsse sie die ihr unangenehmen Wahrheit über ein Schuldig-Gewordensein selbst eingestehen und dürfe nicht die Journalisten, die sie aufdecken, dafür kritisieren (Par. 138). Wie seine Vorgänger bezieht sich der Papst ausdrücklich auf den Wert der Menschenrechte. Müsste das nicht endlich die Unterzeichnung der Menschenrechtscharta beglaubigt werden?

Wer allerdings skeptisch fragt, was solche Texte wie diese Sozialenzyklika überhaupt in unserer Welt bewirken, muss sich selbst fragen, was er oder sie dazu beiträgt.
 

Elfriede Harth, Offenbach: Die Kirche muss leben, was sie predigt

Dass Leo ausgerechnet am Pfingstfest, für mich schon immer das Anti-Babel-Geschehen, diese Enzyklika veröffentlicht, weckt insofern eine neue Hoffnung, auch was das Sebstverständnis der Kirche angeht: Die Jünger (und Maria) waren zusammen, in Angst davor, wie nun alles weitergehen sollte. Und da kam der Geist auf sie herab und beseelt davon gingen sie hinaus und alle verstanden, was sie sagten. Statt des furchtbaren Sprachengewirrs in Babylon, war die Geistkraft in ALLEN Jünger:innen - jede:r Einzelne war wichtig in dieser Gemeinschaft. Es war so der Beginn der Kirche, als eine Gemeinschaft, in der jede Stimme wichtig ist, weil sie des Geistes voll ist und die Kraft des Geistes sich so mitteilt. Es war keine hierarchische, dogmatische Kirche. Es war eine vielfältige Kirche. 

Dass er mit dem Magnifikat endet: auch Maria wurde schon damals vom Geist heimgesucht und ihr JA hat die Fleischwerdung des Wortes ermöglicht. Voll beseelt davon konnte sie also dieses Magnifikat als Prophetie dessen, was die Fleischwerdung bringen würde, aussprechen. Darauf gründet die ganze Befreiungstheologie.

Ja, damals in Babylon glaubten die Menschen, größer als Gott sein zu können. Das ist ein Irrtum.

Unser Menschsein ist kostbar, verletzlich, angewiesen aufeinander. Kein Lebewesen kommt so verletzlich auf die Welt, wie wir Menschen. Jesu hat es im Stall vorgelebt. Und gerade in diesem Aufeinander (nicht nur auf die anderen Menschen, sondern auf die gesamte Schöpfung) Angewiesensein, zeigt sich, dass wir Solidarität brauchen und leben / geben müssen, dass wir Verantwortung tragen für diese Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt. Gerade das macht uns zu Menschen. zu Menschen, die fürsorglich sein können, die lieben können.

Ja, die Kirche, die mitten in einer furchtbaren Krise geboren wurde, hat eine wichtige Rolle zu spielen. In dieser Welt. Auf der Seite des Lebendigen. Es muss das Leben im Mittelpunkt stehen, nicht weltliche Macht, die sich meistens đadurch manifestiert, dass sie zerstört und vernichtet und den Tod bringt. Dass sie Angst schürt und damit zu unterwerfen versucht. Die Kirche soll die Frohe Botschaft verkünden: dass der Mensch, in all seiner Verletzlichkeit und Begrenztheit kostbar ist und von Gott geliebt wird. Dass es gerade diese Verletzlichkeit ist, die uns dazu befähigt, füreinander zu leben und eine Gemeinschaft zu bilden. Auch im Beispiel des Samariters hat Jesu gezeigt, dass die Empathie mit der Verletzlichkeit im Menschen, genau das ist, was uns zu Menschen macht. Das müssen wir uns bewahren, als Menschheit. Und als Kirche. 
 

Brigitte Karpstein, Sinzig: „ … dass die Fülle des Menschseins nicht aus technischer Macht entsteht, sondern aus einer Beziehung, die Freiheit, Liebe und Gnade beinhaltet.“

Papst Leo hat der Welt etwas zu sagen, die im Begriff ist, auf die Machenschaften der geldgierigen Machthaber und technikgläubigen Menschen hereinzufallen und sich ihnen wie besessen verschreibt. Er zieht dabei eine Parallele zum Turmbau zu Babel.

Er folgt den Methoden der Theologie der Befreiung: der kritischen Analyse mit  Systemkritik, der Deutung und anschließenden Alternativen zum Handeln.

Mit Fachwissen und großem Überblick bzgl. dieses komplexen Fachgebietes,  durchschaut und kommentiert er aus der Metaebene kompetent die Machenschaften.

Er stellt dar und begründet, wie Lehrschreiben und Meinungen aus der Tradition  aktualisiert und auf die heutige Zeit mit ihren Problemen und Herausforderungen übertragen und angewendet werden können. Dabei bezieht er soziologische Erkenntnisse und Aussagen der katholischen Soziallehre mit ein. Er stellt heraus, dass vor allem das Evangelium, das Grundgesetz der Christen, mit seinen Leitlinien immer noch Strahlkraft hat und richtungweisende Relevanz besitzt und zeigt daraus resultierende Konsequenzen und Handlungsmöglichkeiten für das moderne Leben auf.

Er öffnet die Augen, entlarvt und kritisiert das Allmachtsstreben weniger Machthaber, die Verführbarkeit der Menschen, die leichtfertig und naiv an die vermeintlich hilfreichen Möglichkeiten der KI glauben und davon eine Optimierung des Lebens erwarten.

Deutlich und klar beschreibt er die Gefahren für die Menschheit und den Einzelnen: Menschlichkeit und menschliches miteinander Umgehen wird durch unpersönliche, automatische KI ersetzt. Der Mensch zählt nicht mehr, er wird zum Objekt, zum Spielball. Er wird beherrscht, unterworfen und muss sich unterordnen. Ethik und Moral als Richtschnur drohen dabei verloren zu gehen.

Er beschreibt, wofür Tür und Tor durch die Allmacht geöffnet werden können: Übernahme von Entscheidungen über Tod und Leben, enthemmte Kriegsführung mit allen denkbaren, übelsten Methoden, Missachtung der Menschenrechte und der Würde aller Menschen, was absolut konträr zum humanistischen, christlichen Welt- und Menschenbild ist. Wenn das Platz greift, wird der einzelne Mensch ohnmächtig, ist machtlos ausgeliefert. Das steht konträr zur Subsidiarität, zur Übernahme von Verantwortung, und Suffizienz, christliche, unverzichtbare Werte. Der Schutz des Menschen steht an oberster Stelle.

Logischerweise stellt er den Wert der menschlichen Arbeit heraus, die durch die KI bedroht ist, und betont die unaufgebbare Wichtigkeit des Mitgestaltens in Politik, Gesellschaft und des eigenen Lebens. Schwachheit darf nicht als Makel gesehen werden, sondern als Chance zum Wachsen, zur Entfaltung und ruft auf zur menschlichen Fürsorge. Liebe, Gemeinschaft, Geschwisterlichkeit stellt Papst Leo als tragende Säulen des menschlichen Zusammenlebens heraus, die sich in der Botschaft des Evangeliums begründen.

Die Welt soll ein Ort der Zivilisation der Liebe sein, eine Stadt, in der Gott wohnt und durch Menschen wirkt. Die Fülle des Menschseins entsteht nicht aus technischer Macht, sondern aus einer Beziehung, die Freiheit, Liebe und Gnade beinhaltet.

Papst Leo ist der Einzige, der mit solch deutlichen und überzeugenden Worten und Argumenten Klartext spricht, den Machthabern und Geldmagnaten - in biblischer Sprache: die Leviten liest, Partei ergreift für die Menschheit, besonders für die Ausgelieferten, Schwachen, Gefährdeten und Maßstäbe setzt, die allgemein Geltung haben und beachtet werden sollten. So setzt Papst Leo das fort, was sein Vorgänger, Papst Franziskus begonnen  und was sein erster Wunsch „Der Friede sei mit euch!“ angekündigt hat. Ich bin der Überzeugung, dass sich Papst Leo weiterhin in das Weltgeschehen in dieser Weise einmischen wird.

 

Stefan Herbst, Bonn/Biel: Künstliche Intelligenz muß entwaffnet werden.

Die Mahnungen des Papstes und seiner Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz bedeutet auch für Deutschland als industriepolitischem Land und führenden machtpolitischen "Player" in Europa und der Welt einen Aufruf zum Innehalten.

Sie mahnt unsere 'Eliten und Entscheidungsträger zu einer "Entwaffnung künstlicher Intelligenz". Dies betrifft uns in Deutschland in besonderer Weise:

Wir stehen gerade in einer sogenannten Zeitenwende, in der wir mit Besorgnis sehen, dass alle ethischen Beschränkungen und Grenzen menschlichen Handelns aufgehoben werden. Die sogenannte Kriegstüchtigkeit umfasst mittlerweile alle Bereiche unseres Zusammenlebens in Deutschland: Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, und auch Religion Politik und Technik werden unter dem Primat von Krieg bzw. einem zukünftig zu führendem Krieg neu definiert und umgestaltet. Die Künstliche Intelligenz spielt hierin in einem mächtigen Land und einer Industrienation wie Deutschland eine herausragende Rolle. Wir sehen, wie künstliche Intelligenz in Deutschland gerade für die Rüstungsindustrie zu einem neuen zentralen Feld von technischer Innovation, finanziellen Gewinnmöglichkeiten und Kapitalzufluss werden. 

Deutschland gehört zu den führenden Industrienationen, in denen im Zeichen eines gesamtgesellschaftlichen Umbau unter dem Vorzeichen künftig zu führender Kriege scheinbar jegliche Einschränkung des Machbaren durch das Gewissen und ethische Erwägungen durch politische Entscheidungsträger außer Kraft gesetzt werden.

Zu dieser neuen gesinnungsethisch getriebenen Machbarkeitsideologie ohne ethische Abwägungen ihrer potentiellen Folgen im Sine einer Verantwortungsethik gehören u.a.: Sieg über eine Nuklearmacht, verfassungswidriges Führen eines Stellvertreterkrieges gegen eine Nuklearmacht ohne offizielle Kriegserklärung, einseitige Bereitstellung eines industriepolitischen Hinterlandes für ein kriegsführendes Land, Zahlung und künstliche Aufrechterhaltung (korrupter und korrumpierender ) staatlicher Strukturen eines kriegsführenden Landes, ständige Ausweitung der Bereitstellung neuer militärischer Fähigkeiten durch verdeckte personelle und geheimdienstliche Kooperation, direkte und indirekte Mitentscheidung bzw. Übernahme von Entscheidungen bei diplomatischen, handelspolitischen und militärischen Entscheidungen eines fremden Landes bei gleichzeitiger Simulation einer bestehenden Unabhängigkeit/Souveränität dieses Landes.

Statt Abrüstungsverhandlungen, statt Abbau von Nuklearwaffen wird einem neuen, unverantwortlichen, weil unsere menschlichen Grenzen überschreitenden Nuklearschirm bzw atomarer Bewaffnung das Wort geredet. Aufrüstung wird zum Motor wirtschaftlicher  Entwicklung - Rüstungskonversion wird durch Umstellung großer Konzerne auf Rüstung ersetzt. Gleichzeitig gefährdet die Umstellung auf künstliche Intelligenz das politische und ethische Verhalten durch die darin liegende Beschleunigung und Automatisierung von Prozessen, die eine (zeitintensive) ethische Abwägung durch Menschen oder demokratische Prozesse verunmöglichen. Der Weg in Richtung neuer menschlicher Sklaverei - jetzt unter der Ägide von Computerisierung und Künstlicher Intelligenz ist längst beschritten. Damit einhergehende demokratische Prozesse und Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen drohen eingerissen zu werden. Wenn es uns in Deutschland und der Menschheit insgesamt nicht gelingt, dieses neue Paradigma künstlicher Intelligenz im Informationszeitalter und sich selbst entfesselnder Machtpolitik sowie einer vermeintlichen neuen Führbarkeit von Kriegen - zurückzubinden, einzuhegen und einzudämmen, dann setzen wir und insbesondere die verantwortlichen Akteure und Eliten aus Politik und Wirtschaft die Zukunft menschlichen Zusammenlebens in Deutschland und Europa. ja weltweit aufs Spiel.

Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden - dies gilt sowohl ganz konkret im Hinblick auf die Fortentwicklung autonom handelnder vernetzter Waffensysteme als  auch im übertragenen Sinne als machtpolitische Kontrolle im Sinne einer Redemokratisierung unserer ausgehöhlten Demokratien durch die technisch sich beschleunigenden fundamentalen Machtverschiebungen unserer Gesellschaft und ihrer Manipulierbarkei durch Politik und Medien.

Es geht mehr denn je um die Wiederentdeckung des Primats der Politik vor dem Militär, der Diplomatie vor  geheimgehaltenen, einseitigen machtpolitischen Entscheidungen, der Vertrauensbildung statt ständig neue Eskalationen und Ausweitung kriegerischer Handlungen auf alle Felder gesellschaftlichen und internationalen Zusammenlebens bei bewußter Überschreitung roter politischer Linien der Gegenseite.


Dr. Edgar Büttner, Theologe und Business-Coach

Die Enzyklika „Magnifica humanitas“ - großartige Menschheit - gründet auf einem humanistischen Christentum (Hans Küng). Wir sollen voll und ganz Mensch werden, indem wir durch Gott über uns selbst hinauswachsen, zitiert Leo XIV. Papst Franziskus. Dabei ist Humanitas in der Doppelbedeutung von Menschheit und Menschlichkeit zu lesen.

Die Enzyklika steht in der großen Tradition der Enzykliken von Leo XIII. „Rerum novarum“ und Pius XI. „Quadragesimo anno“. Sie nahmen Einfluss auf das Grundgesetz mit dem katholischen Prinzip der Subsidiarität, dem Leitbild der Sozialen Markwirtschaft und der Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Mit der Forderung nach gerechtem Lohn, am Beispiel von Bergarbeitern in Südamerika, greift er diese Tradition auf. Sein Bekenntnis zu „starken Gewerkschaften“ für sichere, humane Arbeitsplätze ist kompatibel mit dem Konzept „Decent work“ (menschen-würdige Arbeit) von ILO und DGB.

Die Sozialenzyklika Laudato’si von Papst Franziskus reflektierte eine sozial-ökologische Transformation des „gemeinsamen Hauses“ und den Klimawandel, damit das „technologische Paradigma“ nicht zu einer Herrschaft der Technik über den Menschen führt.

KI ist das Mastermind dieses „technologischen Paradigmas“. Es ist nicht die Frage, ob KI sein soll, sondern wie sie genutzt wird, wie sie allen Menschen dient und zu einer humaneren Welt führt. Das hebt der Untertitel der Enzyklika hervor: „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter künstlicher Intelligenz“.

KI würdigt den vom Schöpfergott vermittelten kreativen Erfindergeist des Menschen. Für den Papst ist KI deshalb kein Anlass apokalyptische Szenarien heraufzubeschwören. Er weist aber auf mehr oder weniger große Gefahren hin, die in autonom agierenden Algorithmen stecken.  KI kennt keine Erfahrung, Innerlichkeit, Erlebnisqualität und Subjektivität. Sie fühlt nicht, aber kann Gefühle simulieren. Sie liebt nicht, aber sie kann Liebe nachahmen. Sie handelt nicht aus sich herausverantwortungsvoll, sondern braucht quasi eine eingepflanzte Ethik. Softwareentwickler, Financiers, Trainer und Nutzer tragen am Ende eine Verantwortung, die sie nicht an die Systeme delegieren dürfen. Diese müssen jederzeit regulierbar sein, auf allen Stufen der Entwicklung.

Der Papst weiß, wie schwierig es ist, einen weltweiten Ethikkodex zu entwickeln, aber er will dazu beitragen. Daher wirbt er um Verbündete in Religion und Wissenschaft. Deswegen präsentierte er das Lehrschreiben gemeinsam mit Christopher Olah, Mitbegründer des KI-Unternehmens Anthropic, dies ist ein Novum. Vernünftige im Silicon Valley unterstützen den Vatikan.

KI ist ein „wesentlicher Bestandteil der Demokratie“, birgt aber die Gefahr neuer Abhängig-keiten im privaten Bereich der Aufmerksamkeitsökonomie, wie in einem „Kolonialismus mit neuem Gesicht“, wenn Politik und Wirtschaft dem Datenfluss weniger großer Tec-Unter-nehmen ausgeliefert sind.

Die Macht der KI und der Mensch beeinflussen sich gegenseitig. Die fast unbegrenzte Intelligenz der KI trifft auf einen Menschen, der sie hervorgebracht hat und der gleichzeitig ein endliches, begrenztes Wesen ist. Darin liegt ein Verführungspotential, das mit Transhumanis-mus (= Mensch als eine Art Aviatar) und Posthumanismus die Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen durch Gentechnik oder Nanotechnologie überwinden will, um einen neuen Menschen zu züchten.

Wenn der Papst an eine Zivilisation der Liebe denkt (Johannes Paul II.), assoziiert man unwillkürlich die Absicht der Zerstörung einer Zivilisation durch Trump. Auch die Notwen-digkeit von Multikulturalismus kann man als Antwort auf den (nicht nur) Trump’-schen“ Bilateralismus lesen, auf Divide et impera“. Auch deswegen ist diese Enzyklika hochpolitisch.

Von Beginn an ist Leo XIV. als Papst des Friedens aufgetreten, gegen Kriege und mit militärischer Gewalt ausgetragene Konflikte. KI kann Kriege noch grausamer machen durch neue Waffensysteme, die selbst über Leben und Tod entscheiden.Es gibt Algorithmen, die den Krieg entmoralisieren. Deswegen braucht es eine Theorie des gerechten Friedens. Der Krieg darf nur ultima ratio bleiben.

Für uns als (deutsche) Kirche bedeutet diese Enzyklika aber auch eine Frage wie mit Macht und Ohnmacht in den eigenen Reihen umgegangen wird. Die geforderte Subsidiarität der ersten Sozialenzyklika von 1891 ist noch ein Desiderat. Deswegen muss die Synodalität konse-quent weiterentwickelt werden, damit auch die Strukturen der Kirche glaubwürdig Macht verteilen, Demokratisierung fördern und so zum Weltallgemeinwohl beitragen.

 

 

Andere externe Stimmen

 

Würdigung durch Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer
> dbk.de 25.5.2026 (PDF) 

Würdigung der Enzyklika durch den Vorsitzenden der DBK, Bischof Dr. Heiner Wilmer
> dbk.de 25.5.2026 (PDF)

Der Papst fordert einen Ethikkodex und Regulierung für künstliche Intelligenz
> sueddeutsche.de 25.5.2026

 

Pope Leo calls to 'disarm' AI in major document, warns of technologic threats to humanity
> ncronline.org 25.5.2026