Noch ist Zeit zu handeln: Insolvenz der Diakonie Dienstleistungen Wetterau GmbH, Nidda, bedroht häusliche Betreuung für 209 pflegebedürftige Menschen

Foto: Diakonie Dienstleistungen Wetterau gGmbH
Foto: Diakonie Dienstleistungen Wetterau gGmbH

19.01.2026

 

(Nidda/Wetteraukreis/dw) - Die Diakonie Dienstleistungen Wetterau gGmbH (DDLW) mit Sitz in Nidda hat am 15. Januar 2026 Insolvenzantrag gestellt. Damit steht ein Angebot auf der Kippe, das seit 16 Jahren für viele ältere und pflegebedürftige Menschen unverzichtbar ist: die häusliche Alltags- und Demenzbegleitung. Aktuell betreut der gemeinnützige Träger 209 pflegebedürftige Menschen im Wetteraukreis – 99 von ihnen leben in Nidda.

„Für diese Menschen bedeutet die Insolvenz vor allem eines: große Unsicherheit und Angst,“ sagt Gerhard Wolf, ehrenamtlicher Geschäftsführer der DDLW. „Viele unserer Klientinnen und Klienten sind hochbetagt, leben allein und haben keine Angehörigen, die kurzfristig einspringen könnten.“

Ein stiller, aber tragender Pfeiler der Versorgung

Die DDLW erbringt Leistungen der häuslichen Betreuung nach der hessischen Pflegeunterstützungsverordnung zum § 45 SGB XI – also Unterstützung im Alltag, Begleitung, Entlastung von Angehörigen und Hilfe für Menschen mit Demenz. Eine gesetzliche Pflichtleistung mit Kostenerstattungsanspruch.
 Diese Angebote ergänzen die medizinische Pflege durch Sozialstationen und Pflegedienste und sind ein zentraler Baustein der ambulanten Versorgung.

Die Zahlen verdeutlichen den Bedarf:

  • Über 60 Prozent der betreuten Menschen sind älter als 80 Jahre
  • Drei Viertel haben Pflegegrad 2 oder höher
  • 89 Prozent leben in Ein- oder Zwei-Personen-Haushalten


„Ambulant vor stationär ist nicht nur ein gesetzlicher Grundsatz“, betont Wolf, „sondern der ausdrückliche Wunsch der meisten Menschen: zuhause bleiben, im vertrauten Umfeld, mitten im Leben und betreut, wo es nötig ist..“

Preisdeckel und Kostensteigerungen – ein strukturelles Problem

Die Ursachen der Insolvenz liegen nicht in einer plötzlichen Fehlentwicklung, sondern in einer seit Jahren bestehenden strukturellen Unterfinanzierung. Der Stundensatz für Betreuungsleistungen nach § 45 SGB XI ist in Hessen seit Oktober 2021 gesetzlich gedeckelt – mit Laufzeit bis Ende 2026.

 

In dieser Zeit sind jedoch:

  • Löhne und Aufwandsentschädigungen deutlich gestiegen
  • Tariftreuegesetze eingeführt worden
  • Energie- und Sachkosten massiv angewachsen. Die Inflationsrate stieg an.


„Über einen Zeitraum von fünf Jahren keinerlei Anpassung zu ermöglichen, ist im Pflegebereich realitätsfern“, sagt Wolf. „Kostensteigerungen von 27 bis über 30 Prozent bleiben unfinanziert.“

Bundesweit mussten allein 2025 431 ambulante Dienste (Sozialstationen und private Pflegedienste)  Insolvenz anmelden – viele davon ohne öffentliche Aufmerksamkeit.

Kommunale Verantwortung: Kreis beteiligt sich weiter – Nidda fehlt

Während die Finanzierung auf kommunaler Ebene in Nidda ins Stocken geraten ist, bekennt sich der Wetteraukreis weiterhin zur Mitverantwortung. Bis 2023 leistete der Kreis einen kommunalen Zuschuss zur Arbeit der DDLW, der in den Jahren 2024 und 2025 dankenswerterweise vervierfacht wurde. Nach Angaben der Geschäftsführung ist auch für 2026 eine Beteiligung des Kreises vorgesehen.

„Das zeigt, dass die häusliche Betreuung pflegebedürftiger Menschen als Teil der sozialen Daseinsvorsorge verstanden wird“, sagt Wolf. „Umso schmerzlicher ist es, wenn ausgerechnet dort, wo fast die Hälfte unserer Klientinnen und Klienten lebt, die Unterstützung wegbricht.“

In den Jahren 2024 und 2025 hatte auch die Stadt Nidda auf Antrag der SPD-Fraktion jeweils 30.000 Euro bereitgestellt. Diese Zuschüsse wurden auf Grundlage der hessischen Rahmenvereinbarung zum § 45 von den Pflegekassen verdoppelt und ermöglichten eine stabile Arbeit trotz Preisdeckel. Mit der Ablehnung eines erneuten Zuschusses für 2026 durch CDU und Bürgerliste entstand jedoch eine Deckungslücke von rund 60.000 Euro, die nicht durch Spenden oder Rücklagen geschlossen werden kann.

„Von 2008 bis 2023 haben wir ohne einen städtischen Zuschuss gearbeitet“, erklärt Wolf. „Bürgerspenden und sogar Teile des Stammkapitals wurden 2023 eingesetzt, als die Stadt erstmals ablehnte, um die Betreuung pflegebedürftiger Menschen weiter sicherzustellen. Doch diese Möglichkeiten sind nun erschöpft.“

Gerade für einen gemeinnützigen Träger seien diese Reserven begrenzt. „Unsere Arbeit dient nicht der Gewinnerzielung. Rücklagen dürfen nur eingeschränkt gebildet werden, Spenden sind zweckgebunden – sie ersetzen aber keine strukturelle Finanzierung“, so Wolf.

 

Kritik an öffentlicher Darstellung

Belastend für den Träger seien zudem öffentliche Aussagen im Vorfeld der politischen Entscheidung gewesen. In der Presse-Berichterstattung von CDU und Bürgerliste wurde unter anderem fälschlich formuliert,  die DDLW betreue überwiegend Menschen mit Pflegegrad 1 oder arbeite wirtschaftlich unsauber.

„Beides ist nachweislich falsch“, stellt Wolf klar. „Solche Darstellungen schaden dem Ruf eines gemeinnützigen Trägers und erschweren zusätzlich die Einwerbung von Spenden, mit denen wir über viele Jahre unsere Arbeit erfolgreich mitfinanziert haben.“

Die Daten lagen vor, die gesetzlichen Grundlagen sind durch einen Klick im Internet abrufbar. Die Grundlagen der Gemeinnützigen Arbeit kennt jeder, der in einem Verein arbeitet. Im Gegensatz zu früher wurde der Geschäftsführer nicht zur entscheidenen Ausschuss-Sitzung geladen.

Insolvenz heißt nicht Ende – sondern Entscheidungsspielräume
Mit dem Insolvenzantrag gibt die DDLW den Sicherstellungsauftrag formal an die Träger der sozialen Daseinsvorsorge zurück. Zugleich betont die Geschäftsführung, dass dieser Schritt nicht als endgültiger Schlusspunkt zu verstehen sei.

„Insolvenz bedeutet nicht automatisch Einstellung“, sagt Wolf. „Sie eröffnet auch die Möglichkeit, gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden – im Interesse der pflegebedürftigen Menschen.“

Für die 209 Betroffenen – darunter 99 Bürgerinnen und Bürger aus Nidda – ist die Situation derzeit offen. Viele leben in Sorge, wie es weitergeht. Auch die derzeit 48 gemeindenah ein-gesetzten Mitarbeitenden sind betroffen. Viele seit Jahren gemeindenah wohnende Bezugspersonen.

„Es wäre bitter, wenn ein Angebot, das seit Jahren funktioniert, in dem überwiegend Ehrenamtliche tätig sind, deren Geschäftsführung ehrenamtlich ohne Aufwandsent-schädigung geleistet wird und vergleichsweise geringe öffentliche Mittel benötigt, an einer überschaubaren Finanzierungslücke scheitert“, so Wolf. „Es ist nicht mehr viel Zeit, das Schlimmste abzuwenden.“


Kommentar

Wenn Fürsorge zur Rechenaufgabe wird

Von Gert Holle

 

Die Insolvenz der Diakonie Dienstleistungen Wetterau ist mehr als eine betriebswirtschaftliche Meldung. Sie ist ein Warnsignal. Denn betroffen sind nicht abstrakte Strukturen, sondern über 200 pflegebedürftige Menschen – viele hochbetagt, viele alleinlebend, viele ohne familiäres Netz.

 

Dass ein gemeinnütziger Träger, der über Jahre hinweg ohne städtische Zuschüsse gearbeitet hat und dessen Angebot zuletzt sogar wuchs, nun in die Insolvenz rutscht, wirft Fragen auf. Nicht zuletzt an die Stadt Nidda, in der fast die Hälfte der betreuten Menschen lebt – und die ihre Unterstützung für 2026 eingestellt hat.

 

Natürlich darf und muss Kommunalpolitik über Haushaltsdisziplin sprechen. Aber ebenso gehört zur kommunalen Verantwortung, genau hinzusehen, wo Einsparungen unmittelbare soziale Folgen haben. Häusliche Betreuung ist kein Luxus. Sie entscheidet darüber, ob ältere Menschen weiter zuhause leben können – oder ob sie früher als nötig in stationäre Einrichtungen wechseln müssen.

 

Verwunderlich ist daher, wie schnell in der politischen Debatte der Eindruck entstand, es handele sich um ein verzichtbares Zusatzangebot. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Und sie betreffen Menschen, die ihre Pflegeversicherung ein Leben lang bezahlt haben.

 

 

Noch ist nichts endgültig entschieden. Insolvenz bedeutet auch: Zeit zum Nachdenken. Diese Zeit sollte genutzt werden – im Interesse derjenigen, die keine Lobby haben, außer der, die man ihnen jetzt lässt.

 

Gert Holle, Herausgeber und leitender Redakteur von "WIR IM NETZ - Kultur und Glaube Aktuell"


„You Are His Angel“ – Ein Lied über Pflege, Würde und Verantwortung

 25.03.2026

 

Die aktuelle Debatte um die Zukunft häuslicher Pflegeangebote in der Region macht deutlich, wie fragil gewachsene Unterstützungsstrukturen sein können. Hinter politischen Entscheidungen, Finanzierungsfragen und Zuständigkeiten stehen konkrete Lebenssituationen: hochbetagte Menschen, Pflegebedürftige – und jene, die sie im Alltag begleiten.

Oft sind es Angehörige, die diese Verantwortung tragen.

Still. Verlässlich. Über Jahre hinweg.

Vor diesem Hintergrund erhält ein Song, der bereits 2023 entstanden ist, neue Aktualität.

„You Are His Angel“ von Gert Holle erzählt von der Pflege eines nahestehenden Menschen – von Demenz, vom schleichenden Verlust von Erinnerungen, aber auch von Nähe, Treue und gelebter Nächstenliebe. Der Titel greift das Bild des „Engels“ auf – nicht als religiöse Überhöhung, sondern als Ausdruck für Menschen, die im Alltag Verantwortung übernehmen, ohne im Mittelpunkt zu stehen.

Der Song ist persönlich motiviert und zugleich exemplarisch: Er steht stellvertretend für viele Geschichten, die selten öffentlich erzählt werden. Für Töchter und Söhne, Partnerinnen und Partner, für Ehrenamtliche und Pflegekräfte.

Gerade in einer Zeit, in der über Strukturen der Versorgung neu entschieden wird, erinnert das Lied daran, worum es im Kern geht:
um Würde, Verlässlichkeit und die Möglichkeit, auch im Alter oder bei Krankheit im vertrauten Umfeld leben zu können.

Die diakonische Perspektive bringt dabei einen weiteren Aspekt ins Spiel: Pflege ist nicht nur eine organisatorische oder finanzielle Aufgabe. Sie ist Ausdruck gelebter Mitmenschlichkeit – und damit auch eine Frage gesellschaftlicher und ethischer Verantwortung.

Mit einer neuen musikalischen Fassung – ergänzt durch Blockflötenbegleitung von Peter Chorkov – wird „You Are His Angel“ nun erneut veröffentlicht.

Der Song ist eine leise, aber eindringliche Würdigung all jener, die für andere da sind.
Und zugleich ein Impuls, das Thema Pflege nicht nur als Problem, sondern als gemeinsame Aufgabe zu begreifen.

 

🎧 „You Are His Angel“ – jetzt anhören