WortWeise Extra

Die Kirche im Kostümverleih

Warum Anbiederung kein missionarisches Konzept ist

Fotoquelle: canva.com / Gert Holle
Fotoquelle: canva.com / Gert Holle

4.02.2026

 

Von und mit Gert Holle

 

Was tun, wenn die Kirchen leerer werden?


Man kann analysieren. Man kann reformieren. Man kann sich auch verkleiden.

In den letzten Jahren erlebt die evangelische Kirche – auch in Hessen und Nassau – eine auffällige Flucht in „besondere Gottesdienste“: Eventformate, Themeninszenierungen, musikalische Anleihen aus Schlager und Fastnacht, begleitet von Studien, die Nähe zum Publikum empfehlen.

Dieser dreiteilige Text hält diesen Bemühungen einen Spiegel vor – satirisch, theologisch und ernst gemeint.
Er fragt:
Was geht verloren, wenn Kirche gefallen will?
Was wird verraten, wenn das Amt zur Rolle wird?
Und warum ist Würde keine nostalgische Kategorie, sondern eine geistliche Notwendigkeit?

 

Ein dreiteiliger Text in der Tradition Eulenspiegels: lachend geschrieben, aber nicht zum Lachen gemeint.

Die Kirche im Kostümverleih – Teil I

Eine Büttenrede wider den besonderen Gottesdienst

Helau, Alaaf und Halleluja!
Man weiß ja heutzutage gar nicht mehr, womit man begrüßen soll – mit dem apostolischen Gruß oder mit der La-Ola-Welle. Sicher ist nur eines: Wer heute noch „Der Herr sei mit euch“ sagt, muss damit rechnen, dass jemand antwortet: „Und auch mit deiner Playlist.“

Liebe Gemeinde – also jene, die noch kommt –,
wir erleben seit einiger Zeit ein bemerkenswertes Schauspiel:
Die evangelische Kirche, insbesondere in Hessen und Nassau, hat entdeckt, dass ihre Gottesdienste leerer werden.
Eine schockierende Erkenntnis.
Und wie reagiert man auf eine Krise?
Richtig: Man gibt eine Studie in Auftrag.

Studien!
Diese wundersamen Orakel unserer Zeit.
Sie sagen uns, was wir längst ahnten, aber nicht hören wollten:
Die Menschen bleiben weg.
Warum?
Weil der Gottesdienst zu früh ist.
Oder zu spät.
Zu still.
Zu laut.
Zu fromm.
Zu wenig Event.
Zu viel Gott.

Und weil Studien bekanntlich nie widersprechen, sondern sich liebevoll ergänzen wie Bibelübersetzungen, kommt man zu einem genialen Schluss:
Nicht die Menschen müssen sich dem Gottesdienst nähern – der Gottesdienst muss sich den Menschen anbiedern.

 

Anbiedern!
Ein schönes Wort.
Es riecht ein wenig nach kaltem Rauch im Gemeindehaus und nach abgestandenem Messwein im Plastikbecher.

Also senken wir die Hürden.
Erst die Liturgie.
Dann den theologischen Anspruch.
Dann die Texte.
Dann die Musik.
Und am Ende – ach, warum eigentlich nicht gleich – auch den Inhalt.

Was bleibt, ist ein Gottesdienst, der keiner mehr sein will.
Er nennt sich dann:
Jagdgottesdienst.
Fastnachtsgottesdienst.
Mundartgottesdienst.
Motorradgottesdienst.
Gottesdienst für alle, die mit Gott eigentlich nichts anfangen können, aber die Musik ganz nett finden.

Man singt nun Schlager.
Atemlos.
Ein Stern, der deinen Namen trägt.*
Demnächst vielleicht: Griechischer Wein – umgedichtet auf das Abendmahl.

Und irgendwo hinten sitzt eine Pfarrerin oder ein Pfarrer und fragt sich leise:
Werde ich hier noch ernst genommen – oder bin ich nur der Animateur im Talar?

Denn eines ist klar:
Wenn der Gottesdienst alles sein will, darf er nichts mehr sagen.
Wenn er niemanden überfordern soll, darf er niemanden herausfordern.
Wenn er nur noch gefallen will, darf er nicht mehr widersprechen.

Dabei hätte die Kirche doch eigentlich etwas anzubieten.
Etwas Eigenes.
Etwas Sperriges.
Etwas, das nicht sofort konsumierbar ist.

Man nennt es: Evangelium.

Ja, ich weiß.
Das ist kompliziert.
Das hat mit Schuld zu tun.
Mit Umkehr.
Mit Hoffnung wider alle Hoffnung.
Mit einer Botschaft, die nicht anschmiegsam ist, sondern aufrichtet – und manchmal auch zumutet.

Aber genau hier liegt doch der missionarische Auftrag!
Nicht darin, das Fremde zu verschweigen, sondern es verständlich zu machen.
Nicht darin, das Anstößige zu kaschieren, sondern es einzuordnen.
Nicht darin, den Menschen ihre religiöse Sprachlosigkeit zu bestätigen, sondern sie sprachfähig zu machen.

Stattdessen erleben wir eine Kirche, die sich schämt für ihre eigene Tradition.
Die glaubt, sie müsse sich entschuldigen für Bibel, Bekenntnis und Kirchenlied.
Die meint, ohne Kostüm, ohne Event, ohne Verkleidung sei sie nicht mehr zumutbar.

Manchmal – und das sage ich nicht leichtfertig –
fühle ich mich erinnert an jene Szene, in der Jesus die Händler aus dem Tempel vertreibt.
Nicht, weil gefeiert wird.
Sondern weil der Zweck verloren geht.

Der Tempel war kein Marktplatz.
Und der Gottesdienst ist kein Unterhaltungsformat.

Natürlich darf Kirche fröhlich sein.
Natürlich darf sie neue Formen ausprobieren.
Aber wenn alles Besonderes nur noch das Alte verdrängt,
wenn jeder „alternative Gottesdienst“ stillschweigend sagt:
Der normale reicht nicht mehr,
dann braucht man sich über die Folgen nicht zu wundern.

Denn die einen kommen trotzdem nicht.
Und die anderen gehen endgültig.

Zurück bleibt eine Kirche, die zwar alles ausprobiert hat –
aber vergessen hat, wofür sie eigentlich da ist.

Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger Studien zu lesen
und wieder mehr Bibel.
Weniger Publikum zu umwerben
und wieder mehr Gemeinde zu sein.
Weniger Atemlos
und wieder mehr Geist.

 

Amen.
Oder – wie man heute sagt –
Danke fürs Dabeisein, liked uns, folgt uns, und vergesst nicht: Nächsten Sonntag gibt’s den nächsten besonderen Gottesdienst.

Die Kirche im Kostümverleih – Teil II

Oder: Wenn das Amt die Narrenkappe aufsetzt

 

Helau, liebe Gemeinde –
also jene, die noch nicht schreiend davongelaufen sind.

Ich sehe sie noch vor mir, diese Szene, sie lässt mich nicht los:
Der Einzug.
Nicht still.
Nicht gesammelt.
Nicht getragen von Orgelklang oder Psalmwort.

Nein.
Narrhalla-Marsch.

Vorne schreiten sie ein –
Pfarrerinnen und Pfarrer,
sonst Trägerinnen und Träger eines öffentlichen geistlichen Amtes,
nun ausgestattet mit merkwürdigen Kappen,
bunten Tüchern,
Accessoires aus dem kirchlichen Kostümfundus.

Und die Kamera ist gnadenlos.
Sie filmt nicht nur die Einziehenden.
Sie schwenkt weiter.
Auf die Bänke.
Auf die Gesichter.

Konsternation.
Verlegenheit.
Fremdscham.

Man sieht keine Gemeinde.
Man sieht Publikum.
Und selbst das ist nicht überzeugt.

Und spätestens hier stellt sich die Frage:
Was wird hier eigentlich gespielt – und wer zahlt den Preis?

Denn eines scheint mir klar:
Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer sich selbst nicht mehr ernst nehmen,
wie sollen sie dann ernst genommen werden?
Wenn das geistliche Amt zur Verkleidung wird,
wird es zur Rolle.
Und Rollen kann man ablegen.

Theologisch gesprochen – und das sei hier ausdrücklich erlaubt –
ist das Amt kein Accessoire.
Es ist auch kein Entertainment-Format.
Es ist ein Dienst am Wort.

Nicht am Zeitgeist.
Nicht am Event.
Nicht an der Quote.

Martin Luther – man mag ihn ja heute nur noch dosiert zitieren –
sprach davon, dass der Prediger „Gottes Mund“ sein solle.
Nicht dessen Bauchredner.
Nicht dessen Animateur.

Und nein:
Das bedeutet nicht Humorlosigkeit.
Es bedeutet Verantwortung.

Denn die Liturgie ist kein Baukasten,
aus dem man nach Belieben Teile entfernt,
bis nichts mehr übrig bleibt, was trägt.
Sie ist verdichtete Theologie.
Über Jahrhunderte erprobte Sprache für das,
was Menschen sich selbst nicht mehr sagen können.

Wer sie preisgibt,
weil sie „nicht mehr verstanden wird“,
verwechselt Ursache und Wirkung.

Nicht die Liturgie ist fremd geworden.
Die religiöse Sprachlosigkeit ist gewachsen.
Und darauf mit Vereinfachung zu reagieren,
heißt nicht missionarisch zu handeln,
sondern pädagogisch zu kapitulieren.

Mission bedeutet nicht:
Wir werden wie ihr, damit ihr euch wohlfühlt.

Mission bedeutet:
Wir trauen euch zu, euch mit dem Fremden auseinanderzusetzen.

Die Kirche ist kein Spiegel der Gesellschaft.
Sie ist – theologisch gesprochen –
Zeichen des kommenden Reiches Gottes.
Und Zeichen verlieren ihre Kraft,
wenn sie sich restlos anpassen.

Oder, um es noch deutlicher zu sagen:
Eine Kirche, die glaubt, sie müsse sich verkleiden,
hat offenbar vergessen,
dass sie bereits eine Identität hat.

Inkarnation heißt nicht Verkleidung.
Christus hat nicht so getan als ob er Mensch wäre.
Er ist es geworden.
Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Wer aber meint, das Evangelium müsse im Narrenkostüm auftreten,
damit es überhaupt noch wahrgenommen wird,
der traut weder dem Evangelium noch den Menschen etwas zu.

Und ja, es gibt Ausnahmen.
Es gibt kluge, sensible, gut begründete Sonderformen.
Aber wenn das Besondere zur Regel wird
und das Normale als Defizit gilt,
dann wird nicht erneuert –
dann wird entkernt.

Am Ende bleibt eine Kirche,
die alles sein will:
nahbar, locker, anschlussfähig, zeitgemäß.

Und nichts mehr ist:
fordernd, tröstend, irritierend, tragfähig.

Vielleicht – nur vielleicht –
sollte man den Mut haben,
die Narrenkappen wieder abzulegen,
die bunten Tücher zurück in den Schrank zu hängen
und sich daran zu erinnern,
dass Würde nichts mit Steifheit zu tun hat,
aber alles mit Haltung.

Denn eine Kirche,
die sich selbst zur Karikatur macht,
braucht sich nicht zu wundern,
wenn man sie nicht mehr ernst nimmt.

 

Amen.
Oder – je nach Gottesdienstformat –
Tusch.

Die Kirche im Kostümverleih – Teil III

Eine ernste Büttenrede mit Aussicht

Ich steh nun hier, die Mütze ab,
der Spaß war laut, doch kurz und knapp.
Denn wo man lacht, um nicht zu weinen,
soll man am End auch ehrlich sein.

Was war der Witz? – Er war nicht klein:
Die Kirche will gefällig sein.
Sie tanzt, sie singt, sie gibt sich Mühe,
legt Formen ab – und merkt nicht frühe:
Je mehr sie sich des Eigenen entkleidt,
verliert sie Stück für Stück ihr Kleid.

Nicht das aus Stoff, aus Tuch und Band –
das Amt selbst steht hier auf dem Spiel, erkannt?

Denn Kirche, glaubt mir, ist kein Ort,
wo man sich trifft zu Spiel und Sport,
kein Klangraum bloß für Stimmungslagen,
kein Club, den Trends von gestern tragen.

Theologisch – und jetzt ohne Witz –
ist Kirche mehr als Zeitgeschütz.
Sie lebt nicht aus der Anschlussfrage,
nicht aus der Quote jeder Lage.
Sie lebt aus Wort, aus Brot, aus Wein,
aus dem, was größer ist als Schein.

Die Liturgie – oft schlechtgemacht –
ist nicht aus Langeweile erdacht.
Sie ist geronnene Theologie,
Erfahrung, Leid und Hoffnung hie.
Sie spricht für die, die ohne Worte,
wenn Angst sie packt an dunklem Orte.

Wer das entfernt, weil’s fremd erscheint,
hat’s gut gemeint – doch schlecht gemacht.
Denn was man nicht sofort versteht,
ist oft das, worum es wirklich geht.

Der Glaube lebt von Unterbrechung,
nicht von bequemer Übersetzung.
Er stellt sich quer, er fragt, er stört,
er tröstet dort, wo keiner hört.

Mission heißt nicht: „Wir sind wie ihr“,
sondern: „Kommt, wir gehen von hier
zu einem Ort, der größer ist,
als alles, was man kennt und misst.“

Das Amt – und das sei klar gesagt –
ist Dienst, der trägt, auch wenn man klagt.
Nicht Selbstdarstellung, nicht Kulisse,
nicht Kostüm für schnelle Kompromisse.

Wer predigt, steht nicht für sich da,
er leiht der Hoffnung Stimme, ja.
Und wer sich selbst zum Clown erklärt,
hat diese Stimme selbst zerstört.

Doch nun – bevor man sagt: „Zu spät!“ –
kommt das, worauf der Blick jetzt geht:
Die Kirche stirbt nicht an der Form,
nicht an dem Lied, nicht an der Norm.

Sie stirbt nur dann, wenn sie vergisst,
wer sie ist und wessen sie ist.

Wo Menschen ehrlich Worte wagen,
wo Predigt mehr als Wohlbehagen,
wo Stille Raum hat, nicht nur Klang,
wo Zweifel sein darf – lebenslang,

da wächst Gemeinde, langsam, leise,
nicht laut, nicht hip, auf Event-Weise.
Dort bleibt man nicht, weil’s leicht und nett,
sondern weil’s trägt, wenn alles fällt.

Vielleicht braucht’s Mut, nicht mitzulachen,
nicht jede Mode mitzumachen.
Vielleicht braucht’s Mut zur eigenen Zeit,
zur Würde und Gelassenheit.

Ich setz die Narrenkappe ab
und sag’s ganz schlicht, nicht allzu knapp:
Die Kirche hat, was viele trägt –
wenn sie sich selbst nicht mehr verrät.

 

Amen.
Und diesmal ohne Tusch.

 

Theologische Thesenliste

Was folgt daraus konkret?

 

1. Kirche ist nicht primär ein Format, sondern ein Geschehen.
Sie entsteht dort, wo Wort, Sakrament und Gemeinde zusammenkommen – nicht dort, wo ein Event gut besucht ist.

2. Liturgie ist keine nostalgische Hülle, sondern verdichtete Theologie.
Wer sie reduziert, weil sie fremd erscheint, kappt einen zentralen Lern- und Erfahrungsraum des Glaubens.

3. Mission bedeutet nicht Anpassung, sondern Zumutung mit Maß.
Das Evangelium verliert seine Kraft, wenn es nur noch bestätigt, was ohnehin vertraut ist.

4. Das geistliche Amt ist kein Rollenspiel, sondern ein öffentlicher Dienst.
Wo Amtsträger sich selbst zur Karikatur machen, beschädigen sie nicht nur sich, sondern die Glaubwürdigkeit der Verkündigung.

5. Kirche darf fröhlich sein – aber nicht beliebig.
Humor braucht Haltung; ohne sie wird er zur Selbstauflösung.

6. Gemeinde ist mehr als Publikum.
Sie entsteht nicht durch Unterhaltung, sondern durch gemeinsame Sprache für Schuld, Hoffnung, Zweifel und Trost.

7. Religiöse Sprachlosigkeit ist kein Argument gegen religiöse Sprache.
Sie ist ein Auftrag, diese Sprache neu zu erschließen – nicht, sie abzuschaffen.

8. Die Zukunft der Kirche liegt nicht im Kostüm, sondern in der Klarheit.
Nicht jede Form muss bleiben.
Aber das Eigene darf nicht verschwinden.

 

 

 

Eine Kirche, die sich selbst zur Karikatur macht, darf sich nicht wundern, wenn man sie nicht mehr ernst nimmt.

Kommentare: 1
  • #1

    hehobo (Mittwoch, 04 Februar 2026 11:10)

    Diese Büttenrede sollte allen Verantwortlichen der Kirche ins Stammbuch geschrieben werden!
    Selten habe ich eine solch zutreffende Analyse kirchlichen Handelns irgendwo gelesen oder gehört!


Autor: Gert Holle - 4.02.2026