Expertengespräch mit Michael Brendel und Pfr. Dr. Jochen Reidegeld zur neuen KI-Enzyklika des Papstes: KI braucht einen ethischen Kompass

29.05.2026

 

(Lingen /Ems /lwh) - Die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz sind weniger technischer als vielmehr ethischer Natur. Auf diese Einschätzung verständigten sich KI-Experte und LWH-Studienleiter Michael Brendel sowie der LWH-Studienbeauftragte Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld in einer Diskussion über die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. Mit „Magnifica Humanitas“ ruft der Papst offensiv das „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ aus und macht deutlich, dass KI längst keine Zukunftsvision mehr ist.

 

Im Mittelpunkt der Enzyklika steht nach Ansicht der beiden Experten die Frage nach dem Menschenbild. Reidegeld verweist auf das Bild von „Babel und Jerusalem“, das Papst Leo XIV. verwendet. KI könne entweder zu grenzenloser Optimierung und Machtstreben führen oder dem gemeinsamen Aufbau einer menschlichen Gesellschaft dienen. Entscheidend sei deshalb nicht, ob KI gut oder schlecht sei, sondern ob sie „dem Guten dient“.

 

Besonders eindrucksvoll bewertet Brendel die Aussagen des Papstes zur Endlichkeit des Menschen. Gerade Schwäche, Verletzlichkeit und Begrenztheit machten Mitgefühl und Nächstenliebe möglich. Damit widerspreche die Enzyklika transhumanistischen Vorstellungen, die den Menschen technisch perfektionieren wollen. Zugleich betone der Papst, dass KI menschliche Begegnung und echte Empathie nicht ersetzen könne.

 

Kritisch setzt sich die Enzyklika zudem mit sozialen Medien und algorithmischen Systemen auseinander. Reidegeld warnt vor der „Manipulation der Wahrheit“ durch intransparente Algorithmen, die vor allem wirtschaftlichen Interessen folgten. Wenn Wahrheit ihre Verlässlichkeit verliere, gerate die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Gefahr.

 

Auch die Vorstellung von Technik als Heilsversprechen müsse ernst genommen werden, so Brendel. KI könne keine echte Empathie entwickeln und keine menschliche Beziehung ersetzen. Gerade deshalb verstehe sich die Enzyklika nicht als technisches Regelwerk, sondern als ethische Orientierungshilfe für eine Gesellschaft, die lernen müsse, mit künstlicher Intelligenz verantwortungsvoll umzugehen.

Die Kirche greife das Thema dabei keineswegs zu spät auf, betont Brendel. Gerade weil die Entwicklung der KI noch offen sei, könne die Kirche wichtige Orientierung geben. Papst Leo XIV. gehe es ausdrücklich nicht um Technikfeindlichkeit. Vielmehr erkenne er die Chancen künstlicher Intelligenz an – etwa bei monotonen oder komplexen Aufgaben. Gleichzeitig mache er deutlich, dass der Mensch im Mittelpunkt bleiben müsse und dass es politische Regeln sowie gesellschaftliche Verantwortung brauche.

 

Für Reidegeld steht der Vorstoß des Papstes in einer langen Tradition kirchlicher Soziallehre. Papst Leo XIV. knüpfe bewusst an Leo XIII. an, der mit seiner Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ auf die Industrialisierung reagierte. Heute sei die Digitalisierung der große gesellschaftliche Umbruch der Gegenwart. KI sei „längst Gegenwart“ und verlange deshalb Antworten auf ethische Fragen.

 

 

 

Gekürztes Interview im Wortlaut

 Links. Michael Bredel, Studienleiter im LWH. Recnts: Dr. Jochen Reidegeld,  Studienbeauftragter für Konfliktforschung und christliche Friedensethik am Ludwig-Windthorst-Haus

 

Frage: Warum beschäftigt sich die Kirche und ausgerechnet dieser Papst mit künstlicher Intelligenz? 

Dr. Jochen Reidegeld: Die Kirche beschränkt sich nicht auf Seelsorge. Ihre wesentliche Sorge ist der Mensch und sein Wohlergehen. Papst Leo XIV. knüpft dabei bewusst an Leo XIII. an, der auf die Industrialisierung reagierte. Auch wir erleben heute einen Zeitumbruch. KI ist längst Gegenwart und verlangt Antworten auf ethische Fragen. 

Frage: Ist die Kirche zu spät dran? 

Michael Brendel: Nein. Die Kirche braucht oft länger, aber eine Enzyklika muss gut überlegt sein. Der Papst macht vieles konkreter, vor allem mit Blick auf die Macht der Konzerne. Gleichzeitig ist bei KI noch vieles offen. Der Impuls aus dem Vatikan kommt genau richtig. 

Frage: Legt der Papst den Fokus zu sehr auf Risiken? 

Brendel: Ich finde Papst Leo ordnet das Thema ausgewogen ein und erwähnt neben Risiken auch Chancen, die sich etwa bei monotonen oder komplexen Aufgaben ergeben. Entscheidend ist für ihn der verantwortungsvolle Einsatz: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, dazu braucht es politische Rahmenbedingungen, Regulierung und Mitverantwortung der Nutzenden. 

Frage: Welche konkreten Vorgaben und Impulse gibt die Enzyklika? 
Reidegeld: Es geht nicht um Vorgaben, sondern Orientierungshilfen. Papst Leo stellt Babel und Jerusalem als Alternativen gegenüber: ein grenzenloses, gewinnorientiertes Projekt oder gemeinsamer Aufbau. Die Frage ist nicht, ob KI gut oder schlecht ist, sondern ob sie dem Guten dient. Dabei fragt er auch nach den Algorithmen und warnt vor subjektiv definierter Moral. Konkret unterstützt er etwa, dass Jugendliche soziale Medien nicht ungeschützt nutzen. 

Brendel: Beeindruckend fand ich seine Aussagen zur Endlichkeit des Menschen. Gerade Begrenztheit, Schwäche und Schmerz ermöglichen Mitgefühl und Nächstenliebe. Außerdem fordert er mehr KI-Kompetenz in Bildung und Gesellschaft. 

Reidegeld: Im Kern geht es ihm um das Menschenbild. Soll der Mensch optimiert werden oder machen gerade Grenzen und Schwächen Menschlichkeit aus? Viele autoritäre Ideologien wollten den perfekten Menschen schaffen – mit verheerenden Folgen. Die Enzyklika ist kein Rezeptbuch, sondern ein Kompass für verantwortbare Entwicklung. 

Frage: Wie bewerten Sie die Kritik, die Enzyklika lade zu „Popewashing“ durch KI-Unternehmen ein, gerade auch durch die Einbindung von Tech-Unternehmern bei der Präsentation der Enzyklika? 
Brendel: Ich finde es konsequent, Vertreter der Industrie einzubinden. Der Kern der Enzyklika bleibt der Schutz der Menschenwürde – etwa beim Sammeln von Daten oder bei Vorurteilen in KI-Systemen. 

Frage: Besteht die Gefahr, dass KI eine Ersatzreligion wird? 
 Brendel: Der Papst warnt davor, dass menschliche Begegnung nicht ersetzt werden darf. KI kann keine echte Empathie entwickeln. Beziehung bedeutet gemeinsame Erinnerungen, Emotionen und persönliche Begegnung. 

Reidegeld: Christsein lebt von Gemeinschaft. Gefahr entsteht auch durch die „Manipulation der Wahrheit“. Wenn Wahrheit keine verlässliche Größe mehr ist, verliert die Gesellschaft ihre Grundlage. Gerade soziale Medien zeigen, wie intransparente Algorithmen destruktive Botschaften fördern. Das sollte uns aber nicht ängstlich machen, sondern zum mutigen Gestalten motivieren. 

Brendel: Die Vorstellung von Technik als Allheilmittel muss man ernst nehmen. Im Silicon Valley gilt oft: Nur mit immer neuer Technik wird der Mensch vollkommener. Genau das steht im Gegensatz zum christlichen Menschenbild. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

 

Michael Brendel ist Studienleiter im Ludwig-Windthorst-Haus. Der Theologe und Musikwissenschaftler hat sich früh im Themenfeld der Künstlichen Intelligenz spezialisiert und ist Autor verschiedener Publikationen zu diesem Thema. Dabei stellt er die Ertüchtigung gerade auch jüngerer Menschen zur Nutzung dieser Technologie auch im Kontext allgemeiner Medienkompetenz in den Fokus.  

  

Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld ist Studienbeauftragter für Konfliktforschung und christliche Friedensethik am Ludwig-Windthorst-Haus und stellvertretender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg, einer Einrichtung der katholischen Militärseelsorge. Zuvor war er unter anderem stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, Leiter der Hauptabteilung „Zentrale Aufgaben“, Ordensreferent und Rundfunkbeauftragter des Bistums Münster, anschließend Kreisdechant in Steinfurt. Seit dem Jahr 2014 ist Jochen Reidegeld humanitär in Syrien und im Irak aktiv. Einen Schwerpunkt bildet dabei das Shingalgebirge im Norden des Iraks, in dem sich der Genozid an den Eziden ereignete.