19.12.2025
(Berlin/frn)
in zwei neuen Folgen des Podcasts „Kopfsalat“ spricht Moderator Sven Haeusler über Geschlechterungleichheiten in der Musikbranche. In der ersten Folge ist Musikerin und Autorin Charlotte Brandi
zu Gast und spricht über fehlende Vorbilder, Machtverhältnisse und ihre Entscheidung, ein Album ausschließlich mit FLINTA*-Musiker:innen aufzunehmen. In der zweiten Folge bringt Autorin und
Kulturarbeiterin Rike van Kleef persönliche Erfahrungen aus der Branche sowie Erkenntnisse aus vielen Gesprächen ein, die sie seit Jahren in unterschiedlichen Rahmen, unter anderem in ihrer
aktivistischen Arbeit bei fæmm und für ihr Buch „Billige Plätze“ geführt hat. Beide Gespräche zeigen, warum mentale Gesundheit immer auch eine Frage gerechter Strukturen ist.
In dieser Folge von
„Kopfsalat“ spricht Moderator Sven Haeusler mit Musikerin Charlotte Brandi über
Geschlechterungleichheiten in der Musikbranche. Die Künstlerin beschreibt eindrücklich, wie früh Unterschiede beginnen: „Jeder Junge, der aufwächst, kann sich aufgrund oder entlang seines
Geschlechts mit so viel mehr verschiedenen Figuren identifizieren.“ Alle anderen müssen sich „notgedrungen entweder mit den männlichen Akteuren identifizieren” oder sich Rollen aussuchen, die
Männer für sie vorgesehen haben.
Die Zahlen, die unser Moderator Sven Haeusler mitbringt, bestätigen das Gefühl: Mehr als 85 Prozent der Chartmusik stammt von männlichen Urhebern. Die Zahl der
Produzentinnen liegt international bei etwa 2 Prozent. Der Gender Pay Gap unter Kulturschaffenden beträgt, wie in anderen Berufsgruppen, rund 26 Prozent. Für Charlotte ist klar: Gerade wenn die
Branche „spitz nach oben zuläuft“ und alle um knappe Ressourcen konkurrieren, geraten FLINTA*-Personen unter Druck, als Außenseiter:innen und als vermeintliche Bedrohung für bestehende
Machtstrukturen. Mit Folgen, die sie selbst erlebt hat: tiefe Erschöpfung, Selbstzweifel, permanenter Rechtfertigungsdruck und ein kreatives Ausgebranntsein.
Um dem etwas entgegenzusetzen, hat Charlotte Brandi ihr Album „An den Alptraum“ ausschließlich mit FLINTA*-Musiker:innen und Engineers aufgenommen. Die Arbeit
beschreibt sie als „extrem entspannt“ und professionell. Zugleich wurde sichtbar, wie gering die Auswahl überhaupt ist: „Es gab einfach keine Mischerin in Deutschland, die Zeit hatte oder gut
genug war.“ Für sie zeigt das, wie dringend die Branche mehr Nachwuchs, mehr Förderung und mehr Räume für FLINTA*-Talente braucht. Und auch mehr Fehlertoleranz: „Wir sind alle erst
gleichberechtigt, wenn wir alle mittelmäßig sein dürfen.“
In der zweiten Folge von „Kopfsalat“ spricht Moderator Sven Haeusler mit Autorin und Journalistin Rike van Kleef über die Musikbranche, die sie aus unterschiedlichen Perspektiven kennt: als ehemalige
Bookerin, als Kulturarbeiterin und als Autorin des Buches „Billige Plätze“, für das sie zahlreiche Interviews zu Ungleichheiten in der Musikindustrie geführt hat. Persönlich wird sie dabei auch
deshalb, weil sie offen erzählt, wie das berufsbedingte permanente Unterwegssein, fehlende Erholungsräume und ständiger Erwartungsdruck sie in eine depressive Episode geführt haben. Für sie ist
das kein individuelles Problem, sondern Ausdruck struktureller Zustände.
Denn die Musikindustrie, so beschreibt es Rike van Kleef, ist nach wie vor von Geschlechterungleichheiten, Machtgefällen und
Ausschlüssen geprägt. Als sie damals über Praktika ihren Einstieg in die Branche suchte, traf sie kaum auf FLINTA*-Personen, und wenn, dann häufig in assistierenden Rollen. Der Touralltag und die
Arbeitsbedingungen seien entsprechend auf Männer zugeschnitten: „Und das führt dazu, dass man einen schlechteren Verhandlungsstand hat, nicht ernst genommen wird“, schildert sie. Nicht selten
begleitet von sexistischen und diskriminierenden Erfahrungen.
Verstärkt werde diese Realität durch aktuelle Entwicklungen: „Wir sehen, dass die Branche immer schneller geworden ist und dass es inzwischen über Social Media und
über das Streaming einen konstanten Performance-Druck gibt, sowohl für die Künstler*innen, aber auch für die Menschen hinter den Kulissen, die das umsetzen müssen.“ Plattformen und Algorithmen
erhöhen den Druck weiter: „Das führt dazu, dass das Verhältnis von Anspannung und Entspannung nicht mehr existiert.“ Stattdessen gäbe es einen psychisch belastenden Dauerstress und wenig Raum,
überhaupt noch kreativ zu sein.
Für Rike van Kleef beginnt Veränderung mit Sichtbarkeit und Austausch. „Mit etwas allein zu sein, ist sehr belastend“, sagt sie. Über Belastungen zu sprechen,
Stressoren klar zu benennen, strukturelle Ursachen offenzulegen – und auch cis-Männer in der Branche dafür zu sensibilisieren – sind für sie erste Schritte hin zu Solidarität und zu einer
Musikbranche, die mentale Gesundheit nicht weiter verschleißt, sondern ernst nimmt.
Die sechste Staffel wird gefördert
durch die Deutsche DepressionsLiga e.V. und die DAK Gesundheit.
Über Kopfsalat
Der Freunde fürs Leben-Podcast Kopfsalat erscheint zweimal monatlich und ist auf frnd.de sowie auf den gängigen
Podcast-Plattformen wie Apple Podcasts, Spotify, Deezer und RTL+
abrufbar. Die Sonderedition Einsamkeit wird von der KKH Kaufmännische Krankenkasse gefördert. Der Moderator ist Filmemacher und Journalist Sven Haeusler.
Seit 2001 klärt der gemeinnützige Verein Freunde fürs Leben e.V. Jugendliche und junge Erwachsene über mentale Gesundheit, Depression und Suizid auf. Denn durch gezielte Informationsvermittlung über Warnsignale, Hilfsadressen und Therapiemöglichkeiten ist Suizidprävention möglich.
Autorin Freunde fürs Leben e.V.; zusammengestellt von Gert Holle - 19.12.2025
