Robin Becker und Anna Gattermann sind seit September 2024 als „weltwärts“-Freiwillige in Tansania – Einsatz in verschiedenen Stationen des diözesanen Krankenhauses von Litembo – „Toll, so viele Erfahrungen sammeln zu dürfen“
27.02.2025
(Litembo/Würzburg/POW/sti) Wartende Menschen. Sie fallen als erstes auf, wenn man das diözesane Krankenhaus von Litembo im tansanischen Partnerbistum Mbinga betritt. Sie stehen vor dem Krankenhaus, sitzen auf Mauervorsprüngen, warten in langen Schlangen in den Gängen. Manche haben vollgepackte Taschen oder Rucksäcke dabei. In einer deutschen Klinik wäre längst der Frust spürbar. Nicht so hier. „Die Geduld, die die Menschen mitbringen, ist für mich sehr beeindruckend. Es gibt Menschen, die morgens um sieben ankommen und trotzdem erst abends um halb sechs an der Reihe sind und geduldig den ganzen Tag warten“, sagt Robin Becker. Umgekehrt nähmen sich die Ärztinnen und Ärzte viel Zeit. „Den meisten ist es nicht so wichtig, pünktlich nach Hause zu kommen, sondern sie wollen genau wissen, was das Problem ist, um den Patienten helfen zu können.“ Die 20-Jährige ist zusammen mit Anna Gattermann (19) seit Mitte September als „weltwärts“-Freiwillige im Krankenhaus in Litembo eingesetzt. „Es war die beste Entscheidung, die ich für mein Leben hätte treffen können“, sagt Anna. Robin ermutigt: „Es lohnt sich, auch wenn man vielleicht am Anfang Angst hat.“
Robin kommt aus Dortmund und will Medizin studieren. Anna stammt aus München und möchte dort Hebammenkunde studieren. Dass sie nun in Litembo sind, verdanken sie dem Diözesanverband Würzburg des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Beide suchten nach passenden Projekten, wenn möglich in einem Krankenhaus, und auf alle Fälle in Afrika. Auf der „weltwärts“-Seite wurden sie fündig. Nun wohnen sie im Gästehaus auf dem Gelände der Klinik und arbeiten montags bis freitags von 8 bis 15.30 Uhr in der Klinik mit. Normalerweise. „Wenn viel los ist oder etwas Spannendes passiert, bleibt man auch länger“, sagt Robin.
Robin war zunächst auf der Inneren Medizin. Dort half sie bei der Aufnahme neuer Patienten, bezog Betten und half, die Medikamente vorzubereiten und auszuteilen. Seit ihrem Wechsel in die Chirurgie „fallen natürlich andere Aufgaben an, zum Beispiel der tägliche Verbandwechsel oder die Patienten für Operationen vorzubereiten“. Sie hat auch schon die Mobile Klinik bei einer Tour zum Nyassa-See begleitet. Mehrmals im Jahr fährt ein medizinisches Team zu Krankenstationen (Dispensaries) und Gesundheitseinrichtungen (Health Centers), um Menschen zu behandeln, die nicht ins Krankenhaus kommen können. „Ich habe noch einmal einen ganz anderen Eindruck in die Armut auf dem Land und die Bedingungen außerhalb eines gut finanzierten Krankenhauses erhalten. In den Dispensaries waren die Möglichkeiten stark begrenzt.“ In einem Ort habe das Team die Menschen im Gemeinschaftshaus untersucht, erinnert sich Robin. „Aber diese Umstände haben mir auch gezeigt, dass hier nichts unmöglich ist. Egal wie schlecht die Bedingungen sind, die Menschen machen das Beste daraus.“
Anna war erst auf der Kinderstation und ist jetzt auf der Entbindungsstation. „Es gefällt mir so gut, dass ich wahrscheinlich länger auf der ,Maternity‘ bleiben werde“, sagt sie. Sie habe zum Beispiel gelernt, die Vitalwerte der ungeborenen Kinder zu messen und für die Visite zu dokumentieren. Dazu gehöre, den Bauch abzutasten sowie die Lage von Kopf und Rücken des Kindes zu bestimmen, um anschließend die Herzfrequenz zu messen. „Es ist immer ein magischer Moment, wenn das schnelle Pochen des kleinen Herzens, verstärkt durch das Doppler-Gerät (eine Art Ultraschallgerät), durch den Raum schallt.“ Sie dürfe auch bei Operationen dabei sein und zum Beispiel Instrumente reichen. Auch einfache Aufgaben wie das Falten der sterilen Tücher gehören zum Alltag. „Es ist toll, so viele Erfahrungen sammeln zu dürfen, Dinge zu lernen und auch machen zu dürfen, die ich bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem deutschen Krankenhaus nicht machen dürfte. Ich darf überall zuschauen und fragen. Ich bin mir jetzt zu 100 Prozent sicher, dass Hebamme der Beruf ist, der mich glücklich macht“, lautet ihr Fazit.
Bei aller Begeisterung sind beiden die Unterschiede zum deutschen Gesundheitssystem bewusst. „Es ist krass zu sehen, welche Möglichkeiten es in Deutschland gibt und welche hier“, sagt Robin. Auch als Laie fällt einem beim Gang durch das Krankenhaus einiges auf. In den Patientenzimmern der Frauenchirurgie
etwa liegen die Patientinnen auf einfachen Metallbetten, die zudem ungewohnt dicht beieinanderstehen. In Afrika ist es zudem üblich, dass sich die Familien selbst um ihre kranken Angehörigen kümmern, vom Waschen bis zum Essenkochen. „Die Familien übernehmen die Aufgaben, die in Deutschland von Krankenpflegerinnen und Pflegern ausgeführt werden“, sagt Anna. „Es hat aber auch etwas Liebevolles, von der Mama bekocht zu werden oder wenn das Baby in heimische Tücher gewickelt wird.“ In anderen Krankenhäusern gebe es eigene Betten für die Angehörigen, hat sie erfahren. „Es wäre wünschenswert, komfortable Schlafmöglichkeiten für die zu haben, die eine so wichtige Aufgabe übernehmen, aber dafür hat das Geld bislang noch nicht gereicht.“ Robin erklärt, sie sei „dankbar, dass wir in Deutschland in einem so guten System leben, uns keine Sorgen um hohe Krankenhausrechnungen machen müssen – und auch dafür, dass ich gesund sein darf“.
Die Vorbereitung auf den Einsatz sei gut gewesen, erklären die beiden Freiwilligen. Das Spektrum sei breit gewesen und habe beispielsweise auch das Thema Sensibilität umfasst. Dabei habe es Themenblöcke zu kulturellen Unterschieden, Toleranz und Rassismus gegeben, erklärt Anna. „Das Problem sind eigentlich immer Besucher aus westlichen Ländern, die sich der Kultur und den Menschen gegenüber respektlos verhalten.“ Allerdings werde man als „Weißer“ oder „Weiße“ grundsätzlich anders behandelt. „Davon kann wahrscheinlich jeder Freiwillige in Tansania ein Lied singen“, sagt sie. Es könne auch mal zu viel werden, wenn man überall, wo man hingehe, im Mittelpunkt stehe und angeschaut werde. „Man muss auf jeden Fall einen Weg finden, mit seiner Identität als weiße Person umzugehen.“
Beide hätten sich rückblickend noch mehr Vorbereitung auf das Thema Tod gewünscht. „Ich weiß noch, wie ich das erste Mal verständnislos neben einem reglosen Kind stand, das am Tag zuvor noch putzmunter gewesen war, und – auch wegen der Sprachbarriere – nicht verstand, dass es nicht mehr lebte“, erinnert sich Anna. Wenn jemand im Krankenhaus sterbe, nehme die Familie den Leichnam mit nach Hause, ergänzt Robin. Das Personal bereite den Verstorbenen darauf vor, indem es unter anderem Kanülen entferne und den Körper in Tücher packe. Die freien Wochenenden seien wichtig, um auch solche Eindrücke zu verarbeiten.
Sie sei froh und dankbar, dieses Jahr hier verbringen zu dürfen, sagt Anna. „Ich erlebe so viele wunderschöne Momente, kann so wertvolle Erfahrungen machen, an mir wachsen und unsere zwei Welten durch das, was ich hier lerne, vielleicht ein kleines Stückchen näherbringen.“ Es sei auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen, pflichtet Robin bei. „Es hat mich nachhaltig beeinflusst, wie die Menschen hier leben, ihre Fröhlichkeit und Offenheit und der Glaube daran, dass man alles irgendwie lösen kann. Man muss es erlebt haben um zu verstehen, was so ein Jahr mit einem macht. Und hier sind immer offene Menschen, die einen aufnehmen und ankommen lassen.“ Beide sind sich einig: „Traut Euch, Ihr werdet es in keinem Fall bereuen!“
Weltfreiwilligendienst mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend
Interesse an einem Freiwilligenjahr im Ausland? Auf der Homepage des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gibt es unter https://www.bdkj-wuerzburg.de/weltfreiwilligendienst/ viele Informationen zum „weltwärts“-Freiwilligendienst, von der Bewerbung über mögliche Einsatzstellen bis hin zu Links zu den Berichten von ehemaligen Freiwilligen.